Bericht - Lyrikpreis München

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ZWEITER VORRUNDENABEND 27.07.2012

Am Freitag, den 27. Juli fand der zweite Abend des Lyrikpreises München 2012 statt.
Der Moderator Kristian Kühn begrüßte die drei Juroren, den Literaturwissenschaftler
Rolf Grimminger, die Herausgeberin der Neuen Sirene Bettina Hohoff sowie den Lyriker
Ludwig Steinherr. Unter den Gästen befanden sich zahlreiche Kenner der Lyrik, von denen
der Dichter SAID, ehemaliger Präsident des Deutschen Pen-Clubs, und die Romanistin
Elisabeth-Pia Leuschner, die durch Dante- und Boiardo-Abende im Lyrikkabinett hervorgetreten ist, namentlich begrüßt wurden.

Jörg Neugebauer wartet auf die Reaktionen der Jury.

Die Reihenfolge, in der die Dichter ihre Werke vortragen sollten, war bereits vor Beginn der Veranstaltung ausgelost worden. Als erster las der 63jährige ehemalige Lehrer Jörg Neugebauer aus Neu-Ulm. Bedachtsam, aber konzentriert, der einzelnen Silbe Raum gebend, las er sein Langgedicht „shadow play“. Die erste Strophe: „was spritzt da auf? / schaum der sich brechenden welle / wenn ein nackter frauenkörper ins Wasser taucht / die erotik des sinkenden schiffes / auf dem noch einmal die kapelle spielt / näher mein gott zu dir / dem weißen papier / dem untergrund der schrift / die manche mit dem gott verwechseln / untergrund auf dem die gräber ruhn“.

Der Zeilenstil verbindet dieses Gedicht mit früheren des Autors; die wenig originelle Suche nach der eigenen Einmaligkeit hatte Neugebauer nicht zu seinem Thema gemacht. Rolf Grimminger meinte zunächst, ein Zentrum des Langgedichts seien Tod und Untergang, ein anderes das Scheitern der Sprache. Ludwig Steinherr betonte, zumindest passagenweise höre man das Gedicht dennoch gerne an. Der Einstieg sei sogar fulminant gewesen; gegen Schluß hin würden Ton und Inhalt reflexiver. Ein Mann aus dem Publikum konnte sich mit Grimminger auf das Scheitern der Sprache einigen, sagte jedoch, das Langgedicht sei ihm zunehmend komischer vorgekommen, nicht jedoch abstrakter. Aber müssen Komik und Abstraktion einander ausschließen? Mitnichten. Nun sprach der Moderator Kühn vom Dithyrambischen als dem Gefühl des Dionysos: die Leute machten etwas, zu dem sie später gar nicht mehr stünden. Dazu erläuterte der Literaturwissenschaftler Grimminger, der Klagegesang der Elegie stehe zum Dithyrambus entgegengesetzt. Doch erst als sich Bettina Hohoff zu Wort meldete, kam es zur Detailkritik: sie monierte den Ausdruck „als entferne man sich in einem Flug“; besser sei „als entferne man sich wie im Flug.“ Der Dichter antwortete, er habe ein Gefühl vermitteln wollen, das dem in einem aufsteigenden Ballon entspreche, aus dem man von ferne zurücksehe.

Danach las die fünfundzwanzigjährige Katharina Kim Alsen aus Hamburg, die wie Jörg Neugebauer bereits zum ersten Abend eingeladen war und es ebenso wie dieser noch einmal erfolgreich mit anderen Gedichten probiert hatte. Alsen las ihre Poeme zügig und zu Wortgruppen gebündelt, hakte bei den Versanfängen, vielleicht aber auch bei den Großbuchstaben, die oft inmitten der Verse stehen, ein. Die abschließenden Verse des ersten der eingereichten Gedichte: „Ich seh das Fleisch das Herzen all der fremden Leute macht dich doch / so krank wie ich Ungeschickt und stummer Groll steigt auf / die Dächer all der musealen Zelte denen du vertraust noch oder schön ist es / hier So abgeschnitten diese Finger Kuppe Fühl mich doch du sagst ich / lache nicht auf Bildern.“

Katharina Kim Alsen hört der Jury zu.

Professor Grimminger rügte zunächst, beim Lesen entstehe der Eindruck einer sinnwidrig zersplitterten Grammatik. Beim Hören sei es ihm mit diesen Gedichten besser gegangen.
Bettina Hohoff gab dieser Einschränkung zwar nicht unrecht, fragte jedoch zugleich, ob durch das Stilmittel der Zertrümmerung der Grammatik eine neue Bedeutung für die Lyrik entstehe. Wörter würden ausgewechselt, sagte Grimminger, er befürchte, daß die Zertrümmerung zu weit vorangetrieben sei. (Im angeführten Textauszug ist das der Ausdruck „noch oder schön“ statt dem bedenkenswerten „noch oder schon“). Die Autorin wurde gefragt, wie sie selbst zu diesen Problemen stehe. Sie antwortete, man müsse die Texte wiederlesen, um das Piktorale in ihnen, die Gleichzeitigkeit, zu entdecken. Vom Technischen der Kunst losgelöst, könnte man aber auch fragen, ob hier jemand ein größeres Geheimnis aus sich mache, als er es nötig habe und es ihm möglich sei.

Beate Ünver liest:
"die suprareninampulle aufbrechen
verdünnte medikamente fürs frühchen"

Beate Ünver aus Ditzingen stellte sich mit der Bemerkung vor,
sie komme aus einer anderen Welt: sie sei Narkoseschwester.
So entsprießen ihre Gedichte teils ihrer Berufswelt, teils konzentrierten Beobachtungen der Natur. Eine ihrer Arbeiten trägt den Titel „fort“: „im frostschrei erstarrt / ungesagtes in senken // jetzt begebe ich mich / auf wanderschaft zu mir // dein mund: trug über gründe / mein sonnenaufgang ist klein“. Die Jurorenschaft lobte die Empathie der Autorin, was ihre „Berufslyrik“ betraf. Nun fragte ein Zuhörer, an wen Ünvers Gedichte überhaupt gerichtet seien. Das konnte man bei diesen haikuartigen Gebilden allerdings wirklich fragen. Entwerfen sie doch eine sehr diskrete Leserrolle, die in etwa die gegenteilige eines marktschreierischen Liedes ist. Es wird jedoch auch im Haiku an den Leser appelliert, daß er Schönheit, Stille sowie innere Stimmigkeit der Welt wahrnehmen soll; der Appell bezieht sich sowohl aufs Lesen als auch darauf, sich für derartige Eindrücke weiter offen zu halten. Die Diskussion verlief sich danach in Sätzen wie „Soll ein Gedicht etwas?“- „Da kann etwas draus wirken oder nicht.“

Die jüngste der fünf Autoren war die 20jährige Anne-Kirstine Linke, die derzeit als Buchhandlungspraktikantin in Essen arbeitet. Linke trug ihre Lyrik auswendig vor; ihr Blick wanderte unterdessen im Publikum umher und nahm nur einen angelegentlichen Kontakt mit dem Blatt auf. Das markanteste Gedicht ist titellos:

„hab uns ein baumhaus gebaut mit hohem dach / bett und kamin ein baumhaus wolltest du doch / abseits des dorfes zehn meter oben ein kräftiger baum / türklinke geklaut von vater mit vorhängeschloss sicher / vor asseln motten ratten und menschen“ Ludwig Steinherr charakterisierte die Lyrik Linkes als „erzählende Gedichte und einfache Gedichte“. Die Sprache sei in sich stimmig; die Autorin kenne ihre Mittel (was einer Zwanzigjährigen gesagt ein hohes Lob ist). Es seien sympathische Gedichte, die jedoch im Rätselhaften stehen blieben. Bettina Hohoff stellte eine Psychologisierung durch eine oder zwei kurze Wendungen fest. Ein solcher auf psychologisches Durchdringen abzielender Satz stand etwa am Schluß eines Gedichts: „wenn du mich liebtest / würd ich deine frau tätscheln“. Zu guter letzt nahm eine Zuhörerin Anstoß an der Art des Vortrags: sie habe sich durch den Blickkontakt, den sie zwangsläufig mit der Autorin habe aufnehmen müssen, von deren Lyrik abgelenkt gefühlt.
Das Erstaunliche an diesem Argument war, worüber man nicht alles diskutieren kann!

Anna-Kirstine Linke trug ihre Gedichte aus dem Gedächtnis vor.

Jürgen Flenker aus Münster verkündete zu Beginn seiner Lesung, er wolle seine Gedichte in anderer Reihenfolge vortragen, als er sie eingeschickt hatte. Dem wurde vonseiten der Jury stattgegeben. Angeführt sei hier das Gedicht „kletterrosen“: „die gießkanne beweist gar nichts / und auch die leiter nicht / die fast vergessen lehnt / am apfelbaum / als führte dort ein weg / ins blaue // wir wussten nicht zu sagen / was uns noch blüht / wir fochten sträuße aus / auf kargem boden / und konnten in der dürre / uns nicht das wasser reichen // das argument der kletterrosen aber / ihr knospen über nacht / das einen grünen keil / in diesen morgen trieb / blieb eine lange weile / unwidersprochen stehn“.

Jürgen Flenker liest "bleib unverkabelt und lass kleingeld sprechen"

Die Jury berät sich - v.l.n.r. Ludwig Steinherr, Rolf Grimminger, Bettina Hohoff

Auch die anderen Gedichte liegen zwischen Natur- und Liebeslyrik; in diesem fällt es am meisten auf, daß das lyrische Ich sich über vieles hinwegsetzt: es scheint die Abkürzung gewundener Wege zu suchen; das vornehmliche Stilmittel besteht darin, die Redewendungen einerseits in einen neuen, übrigens gleichbleibenden Zusammenhang zu stellen, und andererseits darin, sie wörtlich zu nehmen. Rolf Grimminger betonte die suggestive Art Flenkers, mit Metaphern umzugehen. Vor allem sei seine Bildersprache schnörkellos. Ludwig Steinherr hob hervor, daß die Gedichte von der konkreten Realität ausgehen und sehr dicht seien. Bettina Hohoff sagte, daß sie die Texte Flenkers beeindruckend gefunden habe. Sache des Lesers sei es, herauszufinden, in welcher Zeit man sich befinde. Danach hatte das Publikum das Wort. Ein Zuhörer äußerte, die Gedichte seien expressiv, inhaltsbetont und doppelbödig. Ein anderer meinte, er für sein Teil habe sich bemüßigt gefühlt, die Metaphern gegeneinander abzuwägen: welche seien besser, welche schlechter? Da die Gedichte nur einmal gelesen wurden, muß man konstatieren, daß bei diesem Zuhörer der Überfall auf die Sinne, den Metaphern erzeugen sollen, mißglückt war.

Nachdem die zweite Pause etwa zehn Minuten gedauert hatte, verriet Rolf Grimminger, daß die Jury ihr Urteil gefällt habe. Jürgen Flenker und Jörg Neugebauer seien als Finalteilnehmer ermittelt worden. Das solle nicht gegen die anderen Dichter sprechen: doch diese beiden hätten heute abend noch bessere Gedichte als die anderen gelesen.

Hans-Karl Fischer

V.l.n.r. Bettina Hohoff, Rolf Grimminger, Beate Ünver, der Moderator

Fotos: Ulrich Schäfer-Newiger

 
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