Bericht - Lyrikpreis München

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DRITTER VORRUNDENABEND 26.10.2012

Zu Beginn des dritten Abends des diesjährigen Lyrikpreises München, der am 26. Oktober im Münchner Literaturbüro stattfand, stellte der Moderator Kristian Kühn die Juroren vor: den Literaturwissenschaftler Professor Rolf Grimminger, Bettina Hohoff, Herausgeberin der „Neuen Sirene“, und Ulrich Schäfer-Newiger, Koredakteur des „Torso“. Das Besondere an diesem Abend war, daß zwei Dialektdichterinnen gegen die anderen von internationaler Poesie angehauchten Autoren antraten.


V.l.n.r.: Die Juroren Rolf Grimminger, Ulrich Schäfer-Newiger und Bettina Hohoff. (Im Hintergrund der Jurist & Lyriker Wolfram Hirche.)

Knut Schaflinger, der Sieger des Feldkircher Lyrikpreises 2005,zog das Los, als erster zu lesen.

Als erster trug Knut Schaflinger aus Augsburg auf ansprechende und konzentrierte Art seine voluminösen Gedichte vor, die, was den Rhythmus betrifft, fraglos gut sind. „Stellenweise aufgedrehte Holunderduschen. Was weiß war im Frühjahr tropft / schwarz jetzt ins Gras. Ein Klempner läßt Rohrzangen scheppern dreht durch / gebrannte Birnen aus dem Baum.“ Die breit angelegte Bilderwelt ließ jedoch auch Kritik aufkommen. Zunächst begann Bettina Hohoff mit der provozierenden Frage, warum man etwas Gedichte nenne, was eher Prosa sei. Sie erhielt vom Dichter die Auskunft, seine zu Dreierversen gebündelten Sätze seien Terzinen. Doch die erklärte Anlehnung an diese voreinst von Dante Alighieri erfundene Form brachte die Welle der Mängelbeschreibungen erst ins Rollen. Zunächst versuchte der Moderator zu vermitteln. Schaflingers Gedichte seien pointillistisch aufzufassen: das Zerfallende in ihnen wolle zu einer höheren Ebene finden. Dem entgegnete Ulrich Schäfer-Newiger, desungeachtet seien Schaflingers Bilder gewollt. Auch ein Zuhörer fand sie „gewollt und falsch“, die Umstellungen der Wörter zu feierlich: „bis freigibt die Lücke den Blick auf / den See.“ An dieser Stelle versuchte der Moderator wieder einzulenken: es handle sich um ein Spiel mit Länge sowie mit Langeweile, das etwas Meditatives an sich habe. War dieses Furioso an Kritik gerechtfertigt? Bestechende Bilder müssen, wenn man sie dreht und wendet, stimmen; sie sind nicht dazu da, den Autor selbst zu bestaunen. Ein Satz wie „Trauben sind die Augen vom Herbst und wenn Nebel liegt / reißt er sie auf“ ist auf den ersten Blick äußerst reizvoll. Auf den zweiten Blick könnte der Herbst seine Augen ebenso gut zusammenziehen, wenn er etwas im Nebel deutlicher sehen will.

Die neununddreißigjährige Anne-Marie Kenessey aus Zürich hat im Januar dieses Jahres ihren ersten Gedichtband veröffentlicht. Auf expressive Art las sie ihre zumeist kurzen, stringenten Gedichte. „Sein Schädel Erdrund / Füsse spielen Ball mit / schmutzige Sohlen walzen / übers Gesicht Dolendeckel / - stoppt die Ratten! / glatt rasiert / Skalpell im Nacken / sein gespaltener Kuss- / mund lächelt Stunden / rottet er aus.“ Grimminger sagte, Kenessey habe ausgezeichnet gelesen. Wenn man die Gedichte selbst lese, entgegnete ihm Bettina Hohoff, seien sie weniger gut. Es wurde festgestellt, daß Kenessey für unterschiedliche Inhalte die jeweils adäquate Sprache finde; sowohl die Beschäftigung mit dem Dadaismus als diejenige mit Mallarmé habe sie in ihrer Dichtung vorangebracht.

Die vom Kanton Zürich 2012 für die Gedichte ihres Lyrikdebüts "Im Fossil versteckt sich das Seepferd vor dir" ausgezeichnete Anne-Marie Kenessey.
Im Hintergrund die Münchner Autorin Katharina Bosnjak.

Die an der Universität München im Auslandsreferat und im Bereich der Forschungsförderung tätige Katharina Bosnjak. Im Hintergrund die beiden Gäste aus der Schweiz, Angelia Maria Schwaller (li.) und Anne-Marie Kenessey.

Nur die allerwenigsten Zuhörer konnten den Gedichten von Katharina Bosnjak mehr als akustisch folgen. Das lag daran, daß die Autorin, die aus einem Dorf in der Nähe von Regensburg stammt, ihre Gedichte in dem reinblütigen Topolekt schrieb, den es längst nicht mehr gibt: „Geh Wuzzal / kim eina / schluif umma / druck de hear. / Mochma d Tiür zou / schuima an Riegl fiür / dasde da Hoizfuchs ned kröigd. / di, unsa Augnepfal, du!“ Katharina Bosnjak las im Stehen, allerdings mit verhaltener Stimme. Obwohl die Zuhörer ein Glossar in Händen hielten, auf dem die wichtigsten nordbairischen Wörter ins Hochdeutsche übersetzt standen, waren sie angesichts der Schnelligkeit des Vortrags offenbar überfordert. Als erster äußerte Rolf Grimminger Bedenken, wie die bairischen und die englischen Brocken in Bosnjaks neueren Gedichten zusammenpaßten. Eine Verbindung von Dialekt und Popmusik wurde hergestellt: es sei interessant, daß man bei beiden Kunstformen nicht alles verstehe, sondern es mehr darum gehe, mit dem Rhythmus mitzuschwingen. Ist Dialekt eine Verfremdung des Hochdeutschen oder steht er für sich? Gibt es überhaupt eine Dialektliteratur? Die Binnenexotik von Bosnjaks Poemen rief bei den Juroren eher Befremden hervor. Ein Zuhörer setzte noch eins drauf. „Wer nur das darstellt, was er mit der Muttermilch eingesogen hat, wird sich in der Welt nicht bewegen können“, beschied er ungnädig die Autorin.

Nach der Pause las die knapp dreißigjährige Sina Klein, die aus Düsseldorf angereist war und soeben eine Magisterarbeit über Rimbauds „Ophélie“ zu Ende geschrieben hat, ihre auf jeden Fall einen neuen Ton zutage fördernden Gedichte. „kokon // das nächtliche um uns: / ein specht schlägt eine tanne wund - / und alles nächtliche um uns: / ein mund besiegelt einen mund - // im nächtlichen gesicht der mond / liegt lächelnd, liegt im schwund / schon eine hand, die eine hand begriff. // wir sprechen nicht, wir flechten finger. / bänder, bänder, bis verstummt / im hintergrund ein specht, sein puls, / die nacht den tag entpuppt.“ Während Professor Grimminger feststellte, daß die Gedichte manchmal noch nicht ganz auf ihr eigenes Ziel hinausliefen, lobte Bettina Hohoff, jedes Gedicht kippe ins Unwirkliche, Chaotische um. Ulrich Schäfer-Newiger hob hervor, es sei bei Sina Kleins Gedichten etwas da, was nachklinge, eine Resonanz. Es wurde aber auch zu bedenken gegeben, daß die lautliche Ebene sich zu sehr in den Vordergrund dränge.

Sina Klein, die auch Übersetzerin aus dem Englischen und Französischen ist, vor li. Katharina Bosnjak, Anne-Marie Kenessey re.

Angelia Maria Schwaller, die u.a. 2011 den Schreibwettbewerb der Thuner Literaturtage gewann, neben dem mitlesenden Moderator.

Es folgte die zweite Dialektdichterin des Abends, Angelia Maria Schwaller aus Bern. Auf eine zurückgenommene Art las sie zuerst die hochdeutsche, danach die schwyzerdütsche Fassung ihrer Gedichte. Die Zweitfassung wirkte darum nicht aufklärend wie Bosnjaks Glossar. Die erste Strophe des Gedichts „21 gramm“ in beiden Fassungen: „die seite bleibt leer / trotz meinen Worten / du fehlst“ lautet auf Schwyzerdütsch: „d sitta blibt leer / trotz mine wort / du fööusch“. Allein in Schwyzerdütsch vorgetragen, hätte man diese Gedichte ebenso wenig wie die von Katharina Bosnjak verstanden. Die Autorin sagte, sie habe ihre Gedichte für die heutige Lesung zum ersten Mal in die Hochsprache übertragen. „Gute Liebesgedichte“, lobte Professor Grimminger. Der elliptische Stil wurde gerühmt.

Als letzter Dichter las der zwanzigjährige Matthias Friedrich, der soeben ein Literaturstudium in Hildesheim begonnen hat.
Eins seiner kurzen Gedichte lautet: „zulässige markierungen in den grasbestand graben: / pixelbehörden unterwegs zur bodenkartographierung, / klemmbretter tragend wie gefälschte prothesen, / um später parkplatzexakte millimeterrevolten zu entwerfen “. Ulrich Schäfer-Newiger lenkte das Augenmerk auf das vornehmliche Stilmittel, das Wortkompositum. Dieses sei einerseits sprachschöpferisch; andererseits könnten Wortkomposita unschwer zum Manierismus führen. Dies war Wasser auf die Mühlen von Rolf Grimminger. Er habe von Anfang an gedacht, es handle sich bei diesen Gedichten um Manierismus. Es sei zu viel Gestaltungswille vorhanden, monierte Schäfer-Newiger; das Schöpferische falle in den letzten Gedichten ab. - Tatsache scheint zu sein, daß Wortkomposita im Deutschen etwas zu leicht zu bilden sind, aber immer eine bestimmte Überraschung bieten. Deshalb muß man ihre Qualität danach bestimmen, wie triftig sie von der realen Ebene aus betrachtet sind.

Es liest der Youngster Matthias Friedrich, 2011 schon Preisträger beim Treffen junger Autoren.

Nach einer kurzen, aber heftigen Diskussion wurden drei Autorinnen fürs Finale ausgewählt: Anne-Marie Kenessey,
Sina Klein und Angelia Maria Schwaller.

Hans-Karl Fischer



Die drei Kandidatinnen des Abends
für das Finale.
           Fotos: Josef Rohrhofer


 
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