Bericht - Lyrikpreis München

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Archiv > 2013 > 1. Lesung 21.06.13


DICHTUNG, KRITIK UND HYPNOSE

Der erste Abend des vierten Münchner Lyrikpreises am 21.6.2013


Kristian Kühn begrüßte die etwa dreißig Zuhörer und machte sie mit den vier Juroren bekannt. Dabei stellte sich heraus, daß die vierte Jurorin noch gar nicht da war, so daß der Moderator die Zeit damit verbrachte, die sechs Autoren vorzustellen, bis endlich das Taxi aufkreuzte, dem auch tatsächlich Carolin Callies, die Medienreferentin des Verlages Schöffling & Co., entstieg. Die anderen Juroren waren Uli Schäfer-Newiger, Lyriker und Torso-Redakteur, Bettina Hohoff, Herausgeberin der „Neuen Sirene“, und Àxel Sanjosé, Lyriker und Dozent für Komparatistik an der Ludwigs-Maximlians-Universität München.
Sei es, weil sich am Himmel schwarze und weiße Wolken mischten, sei es, weil das Mikrofon zunächst nicht funktionierte: die Veranstaltung kam nur langsam in Fahrt. Daraus konnte man lernen, daß die Stimmung eines Wettbewerbs streng genommen erst dann aufkommen muß, wenn mehrere Autoren gelesen haben.


Kerstin Becker im Eingang zum Münchner Literaturbüro.

Das lag aber auch daran, daß Kerstin Becker aus Dresden, die sich schon im vorigen Jahr um den Lyrikpreis München beworben hatte, damals jedoch den Weg ins Finale nicht geschafft hatte, dieses Mal mit von Rhythmus und Bild her durchwegs einnehmenden Gedichten aufwartete. „ne Körperwolke fliegt / durch die Gasse Märchenzeit: / Knüppel tanzen Pogo auf / Rücken Nacken aus dem Sack // wir machen das Pflaster nass / müssen es küssen / da eine Braue da eine Stirn / da ein gesprungener Mund // dreh dich nicht um Köpfe an / Fliesenfugen stehn“ Carolin Callies gestand zunächst, sie sei ein ausgesprochener Metaphernfan und habe bei Becker reiche Beute gefunden. Daneben seien die Gedichte rhythmusbetont und körperbewußt. Darauf sagte Bettina Hohoff, es werde durch diese Gedichte eine morbide, schwarze Stimmung erzeugt; dem Leser bleibe es überlassen, ob er darauf eingehe oder nicht. Àxel Sanjosé stellte die Frage auf, ob jede Verknappung in Beckers Gedichten notwendig sei. Könne es bei so viel Weglassen nicht vorkommen, daß sich der Leser beim Erschließen des Gedichtsinnes verloren fühle?

Diesem Verdacht trat Uli Schäfer-Newiger entgegen: es handle sich um eine „schöne Knappheit“, Kerstin Beckers Gedichte seien „wunderbar kurz“. Weil sich aus dem Publikum niemand zu Wort meldete, ging man zum nächsten Autor über.


Axel Görlach aus Nürnberg hatte mit dem Zyklus „Orten“ Auszüge aus einem größeren literarischen Projekt genommen, das sowohl Gedichte als auch lyrische Prosa enthält.

Das Gedicht „van“: „der see ist ein flügelloser falter / der schnee frisst aus den zähnen / des kaukaus fällt ein fischer / in den Staub vor ishak pasa // der palast der siebzehn stürme / und ein esel der nach luft schreit / trägt zwei körbe schaukeln / auf dem horizont gebunden // schwarz wie abgebrannte gebete / in einer zitadelle drehte ein blick / sich um doch nur der falke / kehrt zurück nach hoşap“.
Axel Görlach, der bereits mit mehreren Preisen ausgezeichnet worden ist, variierte seine Vortragsart von Gedicht zu Gedicht. Insgesamt jedoch rezitierte er langsam und ruhig auch die vogelwildesten Szenen.
Uli Schäfer meinte, die lyrischen Bilder Görlachs seien teilweise sehr schön, teilweise jedoch verunglückt: etwa die Schnee fressenden Falter zu Beginn des eben angeführten Gedichts. Àxel Sanjosé gab seiner Überzeugung Ausdruck, die türkische Namen erläuternden Fußnoten in den Gedichten seien durchaus legitim; er bedauere jedoch die reportagehaften Züge, die ihn etwas Wesentliches vermissen ließen.

Axel Görlach vor Veranstaltungsbeginn.

Immer wieder fielen die Ausdrücke „filmisch“ und balladesk“. Carolin Callies hielt die Poeme Görlachs für „eine Mischung aus Tausendundeiner Nacht, Westöstlichem Diwan und James Bond“. Die Vermengung von ersterem und letzterem kann der Erkenntnis dienen, daß beides  nicht so weit auseinanderliegt.


Dagrun Hintze betritt den Ereignis-raum.

Als letzte Autorin vor der Pause las Dagrun Hintze aus Hamburg. Sie betonte die Gegensätze in ihren an der amerikanischen Poesie geschulten Texten. Ein Gedicht war der berühmten Hamburger Kneipe „Dieze Köpi“ gewidmet: „Einige Jahre verkehrte ich in einer Alt-68er-Kneipe / Ich habe sie ewig nicht mehr betreten / die Gründe dafür gehör'n nicht hierher / aber ich erinnere mich noch gut an das gelbe Licht / das einen dort in Empfang nahm / an das Bier das dicker zu sein schien als üblich / die Mao-Bibel unter dem Tresen / und daran dass man mir sobald ich es wünschte / Hasta siempre Comandante auflegte und entzückt war / wenn ich den Text mitsang (...)“ Carolin Callies erklärte, bei diesen Gedichten handle es sich um Theatertexte. In der Tat schreibt die Autorin auch fürs Theater. Doch der Jurorin fehlte das Lyrische überhaupt; es sei ihr zum Beispiel nicht möglich, eine Lieblingsmetapher zu finden, da in diesen Gedichten keine Metapher vorkomme. Àxel Sanjosé sprach dann von Hintzes Vorbild Bukowski als von einem „Giganten“, den man schwerlich erreichen könne. Dennoch sei irritierend, daß es oft um einen unwiderruflichen Abschied gehe; als sei alles vorbei. In dem nur teilweise zitierten Gedicht geht es etwa um den Abschied von der Achtundsechziger-Generation.

Rechtes Bild: v.l.n.r. die Juroren Ulrich Schäfer-Newiger, Àxel Sanjosé, Bettina Hohoff, Carolin Callies, die Autoren Werner Weimar-Mazur, Oravin, Kerstin Becker, Axel Görlach (verdeckt von) Dominic Angeloch, Dagrun Hintze, der Moderator.

Der Autor Werner Weimar-Mazur bestand nach der Pause darauf, seine Gedichte zweimal zu lesen. Es entspann sich eine kurze Diskussion, aus der der Dichter siegreich hervorging. Er begann mit dem Gedicht „lethe | mnemosyne“:

Werner Weimar-Mazur

das dritte ist das zimmer meiner kindheit / stimmen wohnen darin | verschlüsselt die tür / das schloss ist ein zauberschloss | simsala und bim / mutter steht in der küche und kocht / essen für den nächsten tag vor // meine lieblingsfarbe ist das schweigen (...)
Uli Schäfer-Newiger meinte, die Gedichte enthielten schöne Bilder, andererseits komme er damit nicht klar, daß im Meer öfters Blut fließen müsse. Àxel Sanjosé lobte den Schluß des Mnemosyne-Gedichts, an dem der Vater fragt: „welchen tag haben wir heute“. Andererseits stelle der Dichter mit seinem Titel einen zu hohen Anspruch an sich selbst. Bettina Hohoff befand dafür, daß Erinnern und Vergessen zwei unterschiedliche Vorgänge seien; an dieser Stelle drohte die Diskussion ins Grundsätzliche auszuufern; nach kurzem Hin und Her fand man sich jedoch bei den Gedichten wieder. Frau Callies sagte, die Gedichte seien still wie ein verschneiter Wintertag. Das sei ihre Stärke, aber auch ihre Schwäche.


Dominic Angeloch aus Berlin hatte „10 Naturgedichte“ voll von Beobachtungen mitgebracht. Angeloch hat zwei Bücher im Verlagshaus J. Franck veröffentlicht. Im folgenden die erste Hälfte des zweiten Gedichtes des Zyklus: „Der Tau in den Gräsern, / der Nebel frühmorgens / über den Feldern, im Wald / die Laute entgeisterter Tierarten; // in der Heide, immer in der Entfernung, / junge Rehe, die mit einem Seufzen / in der Mitte auseinanderbrechen. / Der Spiegel des Himmels // im Spiegel des Tümpels. / Die Natur, Meisterin der / Improvisation, glimmert mit / allem, was sie noch hat (…)“ Caroline Callies sagte, sie habe zwei Überraschungen erlebt: die erste sei gewesen, daß jemand überhaupt noch Naturgedichte schreibe; die zweite, daß kein Ich und kein Du in diesen Naturgedichten vorkomme, sondern alles aus Beobachtungen bestünde. Recht verschiedene Natur-begriffe seien hier durcheinandergebracht, fügte Bettina Hohoff an: der eine entstamme der biologischen, der andere der philosophischen Wissenschaft.
Man konnte sich jedoch darauf einigen, daß es den Naturbegriffen gut tue, durcheinandergewirbelt zu werden. Àxel Sanjosé hielt dafür, die Tradition der Naturlyrik werde von den melodisch durchkomponierten Gedichten „aufgegriffen und unterwandert“; Carolin Callies wandte ein, einige Bilder in Angelochs Zyklus seien schief, etwa wenn er den „Fingernagel des Mondes“ bedichte.


Dominic Angeloch

Als letzter Autor des Abends trug der 29jährige Oravin aus Graz seine kurzen und suggestiven Gedichte auswendig vor: „etwas sticht im schädl / mit kreuzstich näht es gedankn an die stirn / reptiliengedankn an die ausgehöhlte stirn“. Àxel Sanjosé warf die Frage in den Raum, wie die deutsche Sprache so weich sein könne. Sicher liege es auch daran, daß der Autor die Wortendung -en in der schriftlichen Fassung weglasse; das habe beim Lesen gestört. Jetzt, gegen Ende der Veranstaltung, wurde es noch richtig lebendig. Bald war von „hypnotischen Wortströmen“ die Rede, davon, daß man „nichts mehr unterscheide“, dann kam der Einwurf, ob dies überhaupt noch Gedichte seien. Ein Mann aus dem Publikum fragte: „Was ist ein Dichter, wenn er nicht mehr dichten darf?“, und auf den Einwurf, Oravin lasse fast alles weg, erwiderte er, das dürfe ein Dichter auch tun. Carolin Callies lenkte im Namen der Jury ein: Oravins Texte haben Muskeln, sie seien „klein, aber oho!“




Oravin aus Graz.

 

Kerstin Becker und Dominic Angeloch wurden von den Juroren als die ersten Finalisten des vierten Münchner Lyrikpreises ausgewählt. Bei der Beratung wurde hypnotisierendes Bier getrunken, aber das Ergebnis wäre unter dem hypnotisierenden Einfluß von Wein ebenso gerecht gewesen.


HK Fischer


 
 
 
 
 

V.l.n.r. Bettina Hohoff, Ulrich Schäfer-Newiger, Carolin Callies und
Àxel Sanjosé.

Fotos: Martina Kerl

 
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