Bericht - Lyrikpreis München

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Bericht

Chronik > 2013 > 3. Lesung 13.12.13




DRITTER ABEND DES LYRIKPREISES MÜNCHEN 2013 AM 13. DEZEMBER 2013



Zu Beginn der Veranstaltung stellte der Moderator Ulrich Schäfer-Newiger die vier Juroren vor, Bettina Hohoff und Àxel Sanjosé, Tom Schulz, der vor drei Jahren schon Juror gewesen war, sowie Jan Kuhlbrodt, der zum ersten Mal die von der Vorjury ausgesuchten Texte beurteilte.

Als erster las Eric Giebel, aus Darmstadt gekommen und der dortigen Schreibwerkstatt nahestehend, sein Langgedicht „moos“.
In diesem Rollengedicht holt das lyrische Ich zunächst weit aus, um sein Anderssein als Moos zu begründen. Diese Vorgehensweise rückt das in vierzeilige Strophen gegliederte, achtseitige Gedicht in die Nähe des Figurentheaters: Von „ich als Moos“ geht man zu „seht mich als Moos an“ über, und endlich hat man den Eindruck, daß man dem Moos in der Theatergarderobe zusehen kann, wie es sich für immer neue Kurzauftritte herrichtet.

Die Verwandlung im Sinne Ovids, die meist mit Schrecken verbunden ist, erlebt an einer der reizvollsten Stellen von Giebels Poem eine andere Figur: „jemand hat meine sporenstiele abgeknickt. einzeln, / von hand. auf der suche nach korrekter wissenschafts- / terminologie muss dieser teufel an seiner dummheit / gescheitert sein. morgens fand ich ihn schwer auf mir, // tot. sofort begann ich die arbeit, kartierte ihn, maß, / zog ihn tiefer in das nahe laubbett, letzte ruhestätte, / zur anstehenden inverdisierung, so lautet der prozess / der vollständigen bemoosung eines körpers inklusive // seiner öffnungen.“ Bettina Hohoff stellte eine Nähe zur Prosa fest und meinte, man könne das Langgedicht in zwei Gedichte aufteilen: in eines über Moos und in eines über „Gesammeltes zum Thema.“ Tom Schulz merkte an, daß die Vortragsweise wenig überzeugend gewesen sei. Für Jan Kuhlbrodt war der Text nicht konzentriert genug, enthielt gleichwohl „außergewöhnliche Momente.“ Àxel Sanjosé konnte den Enjambements Giebels nicht den Eindruck von etwas Zwingendem abgewinnen und wies auf die ausgedehnte Verwendung biologischer Fachsprache hin. Der eingangs angekündigte Rückzug aus der Zivilisation wird wegen der wissenschafts- und zivilisationssatirischen Haltung des lyrischen Ichs vielleicht noch nicht bewußt genug ad absurdum geführt.


Als zweiter las der 33jährige Konstantin Ames aus Berlin. Er hat den Preis für Lyrik beim 17. Open Mike gewonnen und zwei Gedichtbände bei roughbooks veröffentlicht. Ames beeindruckte durch seinen vehementen Vortrag, der das Losgelassene seines lyrischen Sprechens herausstellte.

Àxel Sanjosé rühmte die anarchische Unberechenbarkeit der Wortfolgen, bedauerte jedoch das gelegentliche Auftreten von „kalauernden Strukturen“. Diese stünden im Gegensatz zum tragischen Ton einiger Gedichte, der unmittelbar berühre.

Jan Kuhlbrodt hob das Gedicht hervor, das seiner Ansicht nach das beste war: „Bei ihrer Seherehre gepackt, im Nass ihrer Grautöne / gefühlt um Hülfe rufend, mit dem Hölderlinlineal / erhoben aus Schneesbrünsten der Peripherie, fuchtelnd / gefüllt mit Spiegelreflexkamerae und Konchen / um Ernst und seinen Sohn Ennui bemüht / Sinds blaue Fische mit Toiletten drin und Restaurant. (...)(Seeergebnisse« 17.6.2013)“.

Über die anderen Gedichte von Ames erkannten die Juroren, daß sie gewönnen, wenn sie sich durch einen Bedeutungswechsel „gegen sich selbst aufstellten“.

Eindringlich las der neununddreißigjährige Alexander Gumz aus Berlin, dessen Gedichtband „ausrücken mit modellen“ 2011 bei kookbooks erschienen ist. Wie beim ersten Autor Eric Giebel fiel auch hier die Nähe zur Prosa auf. Einer der Juroren sagte schon zu Anfang der Diskussion, er würde sich leichter tun, wenn sie als Prosagedichte gekennzeichnet wären. Wie von Tom Schulz zu erfahren war, sind die Gedichte von Alexander Gumz, deren Entwicklung er seit vielen Jahren verfolge, stets in der Jugendkultur verankert und daher mit etwas Renitentem behaftet, das er zu schätzen wisse.

Bettina Hohoff hatte den Eindruck gewonnen, etwas Rätselhaftes solle in Gumz‘ Gedichten bleiben. Sie führte die Wendung „speere (…) / wiegen sich im wind“ an. Àxel Sanjosé meinte, die Sentenzen am Ende der Gedichte seien etwas dick aufgetragen.Dazu ist zu sagen, daß die einen Sachverhalt umreißenden Einzelsätze Gumz' schon überaus markant sind, so daß kaum etwas anderes übrig bleibt, als am Ende, wo das Gedicht sich ja steigern soll, nochmal eins draufzusetzen. Doch der Leser urteile anhand von „ich bin du“ selbst: „ich hüpfe im kreis, winke in kameras, die du nicht kennst. // auf meine lider drücken drei arten beobachtung. // unsere zuschauer versuchen zu verstehen, was wir weglassen. // du bist echter als ich, berechnest meine flugbahn. // unter unserem gespräch beziehen die verschwörer stellung. // beleuchter und statisten räuspern sich. das höre ich bis hier. // ich bin du. du siehst es mir an. // du bist nur ein trick meiner linken hand.“ Das Publikum fand Gumz' Gedichte wegen ihres metaphysischen Gehalts interessant. Ein Zuhörer plädierte dafür, daß auch das Publikum die Texte vorliegen haben sollte, um zusammen mit den Juroren feststellen zu können, ob es sich um Prosagedichte handle.


Nach einer viertelstündigen Pause las die in Leipzig wohnende Andra Schwarz, die im Jahr 2012 mit dem zweiten Feldkircher Lyrikpreis ausgezeichnet worden ist. Àxel Sanjosé kritisierte den intensiven Vortrag ihrer Gedichte. Das Skandieren schade den Texten, bringe eine gefällige Linie in sie hinein, die ihnen an sich nicht zueigen sei. Jan Kuhlbrodt sprach von „Etüden in lyrischer Sprache“. Es seien Vorbilder wie Paul Celan zu erkennen. Die Trauer wandele sich in Melancholie:

die klebrigen zungen am morgen / sie liegen vom schlaf benommen & dick / in den dunkelkammern zur nacht / sie wiegen schwer die worte / hinter dem schutzraum / von dem wir nie sprachen / wir schlucken die maulfaulen reste / wir schlucken und schlucken / wir zielen ohne gewehr / auf die leerstellen des andern / und vergehen am stillen grund“. Tom Schulz stellte fest, daß die Gedichte morbide seien, rühmte jedoch an ihnen dies: „Die Gedichte wagen etwas. Sie wagen auf der Ebene der Empfindung.“ Bettina Hohoff bestätigte den Eindruck der Morbidität und betonte, das Morbide sei nicht immer sympathisch. Was heißt überhaupt morbid? Das dem Italienischen entnommene Lehnwort morbidezza, das dort Sanftheit, Weichheit, Zartheit bedeutet, entspricht Schwarz' “Wagnis auf der Ebene der Empfindung“. Andererseits ist es gerade die Ästhetik einer erdigen Herbheit, die aufgrund der melodischen Stimme der Autorin zusammen mit dem Skandieren beim Vortrag verloren zu gehen drohte. Bleibt die Bedeutung des Morbiden von „kränklich, dem Verfall preisgegeben.“ Die Thematik sei immer die gleiche, sagte Bettina Hohoff. Die Hoffnung wird als Möglichkeit des menschlichen Verhaltens ausgeklammert. Die Frage ist aber, ob die Hoffnung nicht in den Gedichten präsent ist, weil sie so durchgehend fehlt.

Die knapp dreißigjährige Anja Kampmann wurde im Jahre 2006 mit dem Lyrikpreis des Poetenladens ausgezeichnet. Sie rezitierte ihre Gedichte in einem Ton, der die Glaubhaftigkeit des Vorgetragenen untermauern sollte und den man mit „Pathos des Alltags“ umschreiben könnte: „wir rückten weiter in schatten als berge / warteten während die sonne stand / von sehnen wir nannten die nacht an den sternen / rochen gras mücken liebe und alles begann / mit karten spielen fanden im selben wörterbuch / namen für schwimmen oder alleinsein / die beine noch kaum behaart lasen dass dunkel / nur ein wort ist für später wie flucht / und materie gleich viel wiegen zu atmen / wie fliehende wolken ist sehnen / eine grenze oder ein ausgangspunkt / und gäbe es sonst diese lichter und winkel / unbesehn wo die entfernungen zusammenfallen“.

Anja Kampmanns Gedichte wurden zunächst als „romantische Symphonien“ charakterisiert. Das hat jedoch auch Vorteile: wenn zwischen Sonne und Mond und Weizenfeld ein Wort wie „geißelschwänzchen“ auftaucht, wirkt es zehnmal so speziell wie in einem Text, in dem nur spezielle Wörter vorkommen. Tom Schulz hob „Maribor“ als das beste Gedicht hervor und fügte hinzu: “Wenn wir nur das Beste herausnehmen, können wir das Ganze als etwas sehr Gutes nehmen.“ Dem widersprach Bettina Hohoff insofern, als sie nichts Überflüssiges in den Gedichten habe entdecken können.

Sie charakterisierte Kampmanns Poeme als Erzählgedichte, die auch wirklich das behandelten, was vergangen sei, und keineswegs nur fröhlich nach vorne sähen. Jan Kuhlbrodt bestätigte dann den Eindruck, den schon Tom Schulz geäußert hatte: der Ton des Vortrags sei zu getragen gewesen. Àxel Sanjosé sagte, es gebe fein gearbeitete Stellen; anderen habe er nicht folgen können. Zuletzt verteidigte Bettina Hohoff die Autorin noch einmal: sie halte ihre Verse insgesamt für sehr gelungen.



Als letzter Autor des Abends las der 1963 geborene und als Gräzist an der Universität Greifswald arbeitende Dirk Uwe Hansen. Die meisten seiner Gedichte waren nach Orten benannt; doch herausragend war „Libelle“: „Siehst du sie immer nur da / wo sie schon nicht mehr / siehst nicht den Draht der sie zieht den / zieht sie der reißt Blau / pausen auf mit Facetten von Blicken / nie gesehener Bauten Umfriedung. // Zeichen in farbloser Luft von / Sprachen die zu verstehn vor / Zeiten schon zu schwer befunden.“

Hier wird mit Elementen der sapphischen Strophe, mit einem Wechsel von Trochäen und Daktylen, gespielt; am Ende des drittletzten Verses „farbloser Luft von“ handelt es sich höchst passenderweise um einen Adoneus, der mit dem jung gestorbenen Adonis und seinem Abstieg in den Hades verknüpft ist. Tom Schulz sagte, zweifelsohne sei Hansen ein belesener Autor. Man erkenne das am belesenen Ton. Ihm persönlich sei jedoch beispielsweise der Ausdruck „Zeilen alter Gesichter“ im Lissabongedicht zu abstrakt. Àxel Sanjosé gefiel das Gedicht „Schmetterlingsgalerie“, das mit dem angeführten Libellengedicht in einem Atemzug genannt wurde, wegen seiner Farbenexplosion. Jan Kuhlbrodt sprach von dem Wagnis, Gedichte über Libellen und Schmetterlinge zu schreiben. Meinte er damit Naturgedichte insgesamt; oder solche über Kleintiere mit Fühlern, die zugleich mit der Ausbreitung des Handys die deutsche Lyrik zu dominieren begannen? Bettina Hohoff fand Hansens Naturgedichte einfach gut. Sie erkannte in ihnen das Scheitern der Bemühung, sich in ein Tier hineinzuversetzen.


Die Sitzung der Juroren fand im Zuschauerraum statt und dauerte nicht weniger als vierzig Minuten. Am Ende standen Alexander Gumz, Dirk Uwe Hansen und Anja Kampmann als Teilnehmer am Finale fest, das am 22. Februar 2014 im Gasteig stattfindet.


Hans-Karl Fischer





Die Juroren v.l.n.r.:
Jan Kuhlbrodt, Bettina Hohoff,
Tom Schulz, Àxel Sanjosé





 
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