Bericht - Lyrikpreis München

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Archiv > 2014 > 1. Lesung 27.06.2014



Lyrikpreis München 2014 -
Bericht zur 1. Lesung am 27. Juni 2014



Bei 25 °C Außentemperatur und gefühlten 30 °C Raumtemperatur fanden sich am Freitagabend ca. ebenso viele Besucher im Münchner Literaturbüro ein, um dem „Kampf der Gesänge“ beizuwohnen, bei dem zwei Autorinnen und fünf Autoren gegeneinander antraten und von denen zwei bis drei für das Finale am 18. Oktober auszuwählen waren. Die Jury bestand aus: Katharina Schultens (Berlin), Àxel Sanjosé (München) und Jan Kuhlbrodt (Leipzig). Der Umstand, daß die Jury ausschließlich mit Lyrikern besetzt war, die sodann die anderen Lyriker beurteilten und auswählten, kann auch kritisch hinterfragt werden. Über die Lesereihenfolge entschied das Los. Unter den Besuchern konnte man auch den mittlerweile in der Schweiz lebenden Walter Fabian Schmid entdecken, der lange Zeit in München die Lyrikszene mitgestaltete.

Nach der Begrüßung durch den Veranstalter Kristian Kühn vom MLB wurde die wegen einer Bandscheibenerkrankung bedauerlicherweise verhinderte Bianca Döring aus Berlin über DVD mittels Projektion eingespielt. Sie las szenisch betonend neun Gedichte aus ihrem Gedichtzyklus „Requiem (II)“. Auffallend waren dabei die verwendeten Genitiv-Metaphern (hier besser: Geh-nie-tief-Metaphern); Ein Auszug aus „Wir“: „… Und hast mich gefunden / zugerichtet zwischen mir und dir / Und ich dich / am geschorenen Fell der Nacht / zwischen Frost und Fingerspitzen / endlich füreinander …“

Katharina Schultens zählte die Menge der Adjektive und nannte das Bemühen der Texte, Vergänglichkeit wiederherzustellen, bei dem verwendeten Vokabular als schwierig zu erreichen. Àxel Sanjosé betonte, seine Beurteilung der Texte ausschließlich anhand der poetischen Qualität und nicht vor dem Hintergrund ihres bewegenden Inhalts durchzuführen. Sein Kritikpunkt war, „daß die verwendeten Bilder den Schmerz nicht intendierten“. Es kam ihm fast vor, wie „eine Blasphemie an der Tiefe, die ein solcher Schmerz wirklich bedeutet“; „Es ist mir zuviel, zuviel im Sinne von zuwenig.“

An zweiter Stelle trug der Grazer Dichter Oravin, fast zur Gänze auswendig, wohlakzentuiert seine Gedichte vor. Er erhielt in der folgenden Jurorenrunde überwiegend Zuspruch. Àxel Sanjosé hob die mantramäßige Verswiederholung und den Einsatz der Sprache als Lautmaterial hervor, sowie die plastisch geschilderten körperlichen Prozesse. Katharina Schultens lobte den zyklischen Aufbau und das Funktionieren der Bewegung vom Ich zum Du, sowie die sprachliche und rhythmische Schönheit der Texte.

Manche der verwendeten Bilder haben sie überrascht, wie „ein wesen ohne muskeln / ohne innres organ / ein luftkissenleib / …“, stellenweise kam ihr die Zusammensetzung der Bilder aber bekannt vor. Jan Kuhlbrodt lobte, daß hier mit einem reduzierten Material gearbeitet wurde. Hier der letzte Text des Zyklus: „ausgeruht die hand sie kann / die müden lider schließen // kann fingerspiel an fingerspiel / die steine schleifen / stein an stein // kann warm auf deinen augen liegen // unter meiner haut das blut / und unter deiner haut das blut // warm auf deinen augen“.

Nummer drei des Abends war Özlem Özgül Dündar aus Solingen. Sie las ihre Texte, die typographisch als rechteckige Blöcke abgedruckt sind, und sich eines Systems zur Abkürzung der Wörter etwas (etw), nicht (n), und (u), zwischen (zw) bedienen, in einem leicht abgehackten Lesestil. Katharina Schultens irritierte die Form der Texte beim Lesen. Der gelungenste Text dieses Zyklus aus Sicht von Katharina Schultens und Jan Kuhlbrodt war „herrschen müssen“, Àxel Sanjosé fand ihn konzeptionell stark:

„der arm zuckt dr / eimal zuckt der a / rm hin u her u i / ch will n befeh / le geben müssen a / n teile von mein / em körper ich wi / ll n herrschen mü / ssen über alle or / gane die man mir / gab ich will ver / faulen können wan / n ich will u n es / sen u schlafen kö / nnen wann ich wi / ll u ich will n / denken müssen an / alles woran ein / er so denkt u ich / will den arm n b / ewegen müssen u / den fuß u das be / in n setzen mü / ssen ich will al / len ihren eigen / en willen lassen“.
Nach Jan Kuhlbrodt unterwirft sich die Autorin einerseits der Form, übt aber andererseits über die Sprache Herrschaft aus, indem sie sie kürzt und zurechtschneidet. Die Reflexion dieses Umstandes könne man am besten anhand dieses Textes nachvollziehen. An manchen Stellen schössen die Texte seiner Meinung nach über das Ziel hinaus und würden zu beredsam. Àxel Sanjosé interessierte an den Gedichten ihr „neuropoetischer Ansatz“, weil dadurch ein Anschluß an einen aktuellen wissenschafts- und gesellschaftsrelevanten Diskurs gefunden würde. Beim Text „ich trage küsse“ enttäuschte ihn das Fehlen dieses Ansatzes dann wiederum.

Der letzte Autor vor der Pause war der ebenfalls aus Graz stammende Christoph Szalay (derzeit Berlin). Seinen Zyklus „dahinter die barentssee“ las er betont im Enjambement. Jan Kuhlbrodt war beeindruckt von der Konsequenz, mit der der Autor die Motivik „gnadenlos durchgezogen“ hat. Katharina Schultens fühlte sich vom Sound an Jan Wagner erinnert. Der Entwurf des Settings funktionierte ihrer Meinung nach nicht immer.

Am stärksten kam ihr „sognefjell“ vor: „auch sommers ein truemmerdasein / entwurf einer wuestenlandschaft // bin selbst fels und eisuebersaet / stueckwerk steingeflochtenes totem // an den raendern der bergstraße / hinterließ ich einen blick bis // weit ueber der waldgrenze zwischen / alpenazaleen arktischen mohnblueten // lass uns ein portraet anlegen fuer / steiner sulheim schneeversunken und“.
Àxel Sanjosé stellte fest, daß das Arktische mit dem Alpinen einhergeht und sah in der Form der Zweizeiler die Spur der Langlaufskier. Er empfand die „Betrachtungen über das Suchen nach Grenzen und über Grenzen hinaus“ („dahinter die barentssee“) interessant, aber „auf der Denotatsebene nicht genügend eingelöst“.

Zwischen 20:50 Uhr und 21:15 Uhr gab es eine Pause, die für regen Austausch, teilweise auch zwischen Jury und Autoren, genutzt wurde. Katharina Schultens und Tobias Roth waren einander ja bereits vom Literarischen März 2013 in Darmstadt, bei dem beide ausgezeichnet wurden, bekannt.

Nach der Pause las der in Irschenberg lebende Markus Hallinger aus seinem Langgedicht mit dem Arbeitstitel „Gesummsel“. Seine ruhige sonore Stimme erfüllte mehr als acht Minuten lang den Raum. Der Beifall war der längste dieses Abends. Katharina Schultens wollte diesem Text mit keiner Analyse zu Leibe rücken; sie fand ihn dafür viel zu gut, sprachlich ganz großartig, teilweise poetologisch und Raum eröffnend: „Die Ausfälle in das Absolute, in die Erkenntnis, kommen aus dem Bild heraus.“

Auszug aus „Gesummsel“: „… Ich habe die Hand am Baum am Ast gehabt, / die Axt die Schere, / den Fuß an der Wurzel, ich hatte das Glück, das maßlose Glück; / Ohne Sinn und Verstand / den ellenlangen Ellenbogen gespannt wie ein Bogen. // Es lief wie ein Käfer über den Handrücken, kroch / den ärmellosen Arm hinauf. Kein Maß beugte sich, / aber die Sonne im Gesicht brannte, hinter / den geschlossenen Augen drehten sich schwarze Punkte, / kleine Gestirne wurzelten in den Augstöcken schwammen. …“
Àxel Sanjosé meinte, das Poetologische sei auch mehrmals programmatisch im Text enthalten. Offenbar auch immer einen prekären Zustand der Sprache aufzeigend, ein Verrutschen der Sprache, was sich im Gesamttext auch abbilden würde mittels Kalauer, Tautologie und auch Humor. Jan Kuhlbrodt gefiel die Umkehrung der Perspektive: man findet in der Natur das Gedachte wieder, und außerdem mochte er die Wespen. „ … / Hier bellte der Hund rechtschaffen. Der Nachbar besaß einen VW, / den ersten in der Nachbarschaft, und galt deshalb als weise. / Jetzt sind es Wespen. / Alles ging schnell, als alles beladen war. / Aus allen Richtungen strömen die Wespenvölker heran. / Erdwespen, Schlupfwespen, Holzwespen, ohne Takt, im Gebrumm / eines Brummkreisels, mit Speeren und Stachel bewaffnet / wie im Comic. Die Wespen haben zu stürmen begonnen. / Nach den Gesetzen der Thermodynamik strebt alles zur Unordnung. / Das ist die Schlachtordnung, Strömen, Gewimmel. / Die Entropie nimmt zu. / In den oberen Sphären wohnen die Standbilder / in Temperaturen, von denen ich träume. / Was tut wie ein Motor, ist der Flügelschlag.“

Nun kam Konstantin Ames aus Berlin an die Reihe. Er war auch bereits letztes Jahr unter den Teilnehmenden. Ames ist ein begnadeter Vorleser, dessen Gedichte erst durch seine grandiose Vortragsart wirklich zu leben beginnen. Àxel Sanjosé stellte bei den Texten „eine radikale Verweigerung der Normalsprachlichkeit in jeder Manier“ fest. Alles, was Sprache an Potential habe, werde genutzt und gleichzeitig dem Leser / Hörer um die Ohren gehauen. Die Dichte des verwendeten Materials sei enorm.

Diese Herausforderung sei provozierend. Jan Kuhlbrodt erinnerten die Arbeiten an Walter Benjamins Engel der Geschichte, der im Rückwärtsfliegen auf das Trümmerfeld schaue. Es spiele sich unglaublich viel Geschichte in den Texten ab, eine brüchige Geschichte, eine kaputte Welt. Und gleichzeitig das permanente Mißlingen, eine Ordnung aufzubauen. Katharina Schultens gefiel der „großartige, grimmige Humor, gut durchgearbeitet“. Die Sprechfiguren als Mechanismen zur Distanzierung funktionierten sehr gut, weil sich trotzdem ein klares Sprecher-Ich zusammensetze. Als Beispiel für den grimmigen Humor nannte sie die Zusammensetzung „Wüstenrotpilot“ aus „IV René Fonck /// In Lüften hoch, da spar ich sehr! / Luftfahrtarchäologen würden, grüben sie in den Wolken, sein / Bureau, sein klappriges fliegendes Tischchen, seine / Spaten-Vorarbeit urplötzlich … kein Kopfschussritter / Butterwasser? Ich effizientiere, summ / Am liebsten hätte er die Boches wohl mit einem Hammer / Ladehemmungstherapeut, zerschmissen, Bürokrat aus der Sonne / Wüstenrotpilot. Modell seiner Spad XIII in / Knabenzimmern Knabenträumen. Duzfreund / In Life gelistet, später rausgeduscht / Görings zwischenzeitlich / Keinen Kratzer“.

Als letzter Autor las Tobias Roth mit dem rollenden bayrischen „R“ seiner Münchner Heimat seine in der Manier eines Poeta doctus verfaßten bildbeschreibenden Texte. Jan Kuhlbrodt meinte nach dem Vortrag, den Gegenentwurf einer Vergangenheit, durchdrungen von Italiensehnsucht vernommen zu haben. „Es ist im Prinzip ein Blick auf eine Vergangenheit, der die Gegenwart abgeschnitten ist, eine Rekonstruktion.“ Katharina Schultens fielen ein verklärender, aber gleichzeitig auch ironisierender Gestus sowie einheitliche Bildbezüge auf.

Exemplarisch hierfür: „Gebetsnische /// Fayencen, wuchernd // Blaue Waben himmlisch flüsternder Bienen, / Tiefer gestaffelt, als wir ahnen. / Goldmalerei auf Glas. / Feld aus Kreuz- und Sternkacheln. / In den Überlaufglasuren lauern / Verse, so beten wir die Bienen an. // Lass mich untergehen in kostbaren Worten. / Wer will, sinke mir nach. // Denn es spiegeln sich darin / Jene dichten Haare, vom Wind bewegt, / Jene schmiegsamen Schenkel. / Dir bete ich anders, aber bete weiter, / Wie zu Lawinen und Schatten der Bäume, / Meinen frommen Fingern // Höhen des Rosengartens // In deinem Rücken / Gebetsnischen.“ Es funktioniere in sich sehr gut und schaffe auch Räume. Ihr fehlten aber an einigen Stellen Brüche im Text und das Schwelgen nehme manchmal überhand. Im Gedicht „Biondo Tiziano“ waren ihr etwas zu viele Italienische Zitate (ges. vierzehn von sechzig Verszeilen). Àxel Sanjosé, der sich selbstironisch als „staatlich anerkannten Hermetiker“ bezeichnete, erachtete das Sujet der Bildbeschreibung generell als sehr gefährliches Terrain. Seine Erfahrung habe ihm bisher gezeigt, daß es dabei meistens bei einer Sekundärverwertung bleibe. Roths Gedichte durchbrächen dies aber. Die Idealisierung würde wiederum dekonstruiert, daher könne die große Sinnsuche nicht stattfinden. Er empfand Brüche durchaus als vorhanden.

Katharina Schultens

Jan Kuhlbrodt

Àxel Sanjosé

Fotos: Ulrich Schäfer-Newiger


Die Verkündung der Auserwählten für das Finale am 18. Oktober erfolgte gegen 22:30 Uhr „kurz und schmerzlos“ (für wen?) nach zwanzigminütiger Beratung und ohne Begründung, lediglich mit dem Hinweis, daß sich die Juroren einig waren, durch Katharina Schultens: Konstantin Ames, Markus Hallinger, Tobias Roth, die drei aus dem zweiten Leseblock. Das Publikum war vom Ausbleiben der Begründung enttäuscht. Hier bestand allem Anschein nach doch ein gewisser Erklärungsbedarf, da die Entscheidung der Jury offenbar nicht jedem einleuchtend war.


Hinweis:
Auf die im MLB üblichen Anmerkungen des Publikums zu den einzelnen Beiträgen wurde hier nicht eingegangen. Dem Publikum lagen die Texte nicht schriftlich vor, und das über sie Gesagte, nur aus einem ersten Höreindruck heraus, relativierte sich quasi von selbst, verflüchtigte sich in einer Art Entspannungsübung für die von der Menge an Lyrik überstrapazierten Ohren.

Wolfgang Berends


 
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