Bericht - Lyrikpreis München

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ERSTER VORRUNDENABEND 25.05.2012

Am 25. Mai fand um halb acht Uhr der erste Abend des Lyrikpreises München im Münchner Literaturbüro in der Milchstraße 4 statt. Vor etwa 40 Gästen, die trotz des warmen Sommerabends den Biergartenbesuch hintangestellt hatten, stellte der Moderator Kristian Kühn die drei Juroren, Eva-Elisabeth Fischer, Professor Rolf Grimminger und Antonio Pellegrino vor. Zur Einstimmung las Kühn einen Text namens „Poetik“ des im Jahr 2005 gestorbenen Lyrikers Thomas Kling vor: Man müsse schöne Stellen opfern, wenn sie gerade in diesem Gedicht nichts verloren haben. Warum soll man jedoch kein neues Gedicht aus der schönsten Stelle machen?

          Oben der Lyriker Patrick Beck
          Links die Juroren (v.l.n.r.) Prof. Rolf Grimminger,
          Antonio Pellegrino, Eva-Elisabeth Fischer

Als erster las Patrick Beck aus Dresden. „Zuerst legte ich die Steine zur Seite, schöpfte das Wasser ab und rollte den Boden auf. Dann blies ich die Wolken fort, packte das Blau des Himmels ein und die Geräusche der Nacht, warf ein dunkles Tuch über alles Licht, zog die Wellen ein, das Skelett des Moments. Ich dachte an die Mauersegler. Das Nichts gelang nicht.“  Während Eva Elisabeth Fischer die knappen Gebilde Patrick Becks in die Nähe der Haikus rückte, einigten sich die anderen Juroren zu ihrer Kennzeichnung bald auf den Begriff der Camouflage. „Täuschung, Tarnung. Publizistische Technik, zwischen den Zeilen zu schreiben“, definiert Meyers Großes Taschenlexikon diesen Begriff. Die Natur werde für diese Camouflage benützt. Dennoch vermißte Rolf Grimminger in den Gedichten Logik und Schlüssigkeit. Während sich die Juroren darüber uneins waren, ob nun eine Philosophie hinter den Texten stehe oder nicht, brachte es ein Lesungsbesucher durch eine unmittelbarere Betrachtung auf den Punkt: Diese Gedichte seien Ausdruck der Hyperzivilisation. Nur ein Dichter, der mit der Natur eigentlich gar nichts zu tun habe, könne so über die Natur schreiben. Rolf Grimminger warf ein, es handle sich um spröde Sätze. Becks hermetische Gedichte waren durch den Blocksatz auch als Prosagedichte gekennzeichnet. Nun wollte man vom Dichter wissen, warum er seine Lyrik nicht in Gedichtform transportiere, sondern sich auf Prosagedichte kapriziert habe. Weil er den Sinn des Zeilenbruchs hier nicht gesehen habe, lautete die Antwort. Was in der Diskussion etwas zu kurz kam, war die Koinzidenz von performativer und deskriptiver Sprache in einigen Gedichten. Der an ein Du gerichtete Befehl, etwas zu tun, ist zugleich der Befehl, sich dieses Tun vorzustellen, als auch die Beschreibung dieses Tuns und Vorstellens.

Bärbel Klässner aus Essen hatte ihre Gedichte für den Auftritt leicht verändert. Schon zuvor war vom Dionysischen, von „wilden, einander verfehlenden Wellen“ die Rede. Ihr letztes Gedicht „Tanz mich“ war jedoch schon vom Titel her, der zugleich als Eingangsrefrain jeder Strophe diente, eine Anleihe bei Märchen und Popmusik. Zunächst wurden Froschkönig und Aschenputtel, ersterer als Kröte, letztere als „Lumpenpuppe“, heraufbeschworen. Doch das Gedicht wollte und wollte nicht aufhören, als befinde es sich selbst in einem Tanzfieber, in dem es nur tot umfallen konnte. Die Autorin schien mit Worten alles aus sich heraustanzen zu wollen und erregte dadurch zwiespältige Gefühle bei ihren Zuhörern.

               Bärbel Klässner liest "Tanz mich!"

Hat Lyrik das Konzentrat des zu Sagenden zu sein, der Beerensaft, oder soll sie nicht ab und an auch wie ein Sirup wirken, der nur verdünnt zu genießen ist? Das Publikum bedauerte jedenfalls, daß ein reicher Wortschatz der Beliebigkeit zugute komme, worauf die Debatte in der Frage um die Legitimität der bloßen Lust am Spiel eingekesselt zu werden drohte. Christel Steigenberger, Mitherausgeberin der Literaturzeitschrift außer.dem, sprach vom Überborden als dem Prinzip der Klässnerschen Texte, von nicht reduzierbaren Themen und dem Kunstwillen, das Überrolltwerden durch die Ereignisse an den Leser im Gedicht weiterzugeben. Die Juroren waren der Ansicht, daß Klässners kurze Gedichte die besseren seien.

               Antemanha aus Tilly bei Paris

Vor der Pause las die aus Tilly bei Paris angereiste Antemanha. „Ich bin schwarz, aber schön, ihr Töchter Jerusalems! Ich bin schwarz, aber schön, ihr Töchter Londons ...“ Rolf Grimminger wandte sich gegen die Art dieser Gedichte: Sie schwankten zwischen Mythologie und Esoterik; als Mythopoesie stünden sie jedoch nicht für sich, sondern seien voll von Zitaten aus dem Hohen Lied. Auch Eva-Elisabeth Fischer fühlte sich von der Fülle der Zitate erschlagen. Nachdem der Moderator festgestellt hatte, daß das Hohelied zu den zehn besten Gedichten der Weltliteratur zu zählen sei, erwiderte Antonio Pellegrino, Zitate seien legitim, die Frage sei jedoch, wie man mit ihnen umgehe. Ihn habe der hohe Ton anläßlich der Übernahmen aus dem Hohelied gestört. Antemanha hätte sich bei ihrem Vortrag mehr zurücknehmen müssen. Während Pellegrino empfahl, aus den extrem durch-rhythmisierten Texten eine Kurzgeschichte zu machen, sagte ein Mann aus dem Publikum, ihm haben die Texte gefallen, weil sie die Ichfindung einer jungen Frau beschrieben.

Es handle sich nur um eine Wiederholung schon bekannter lyrischer Elemente, erwiderte ein anderer. Der Moderator meinte, der Ton Antemanhas sei sehr unterschiedlich zu dem, den man von deutscher Lyrik erwarte. Daraufhin stellte ein weiterer Lesungsbesucher die Frage, die in ihrer Subversivität diejenige der Autorin konterkarieren sollte, ob Exotik allein die lyrische Gestaltung ersetzen könne. Klar war, das Hauptanliegen dieser Gedichte war der reine Rhythmus, die Melopoesie. Nach einigem Hin und Her, bei dem es um den „Ethnokitsch“ und die in sozialer Hinsicht große „Gefährlichkeit“ des Ausdrucks „schwarz aber schön“ ging, gab ein Mann aus dem Publikum Antemanha den Rat, eher beiläufig als deklamatorisch zu rezitieren.

Nach der Pause las die Schauspielerin Dunja Bengsch für die verhinderte Katharina Kim Alsen aus Hamburg. Ihr intensiver, authentischer und von wohlbegründeten Sprechpausen unterbrochener Vortrag begeisterte die Jury. Allerdings hatten die drei Juroren die Gedichte Alsens von der Lektüre her in weniger vorzüglicher Erinnerung. Die Gedichte, die Schlaglichter in eine fortlaufende Beziehung werfen, wurden weniger als Lyrik denn als Prosa verstanden. Eva Elisabeth Fischer sprach dabei von Rollenprosa, Professor Grimminger von einem inneren Monolog. „(...) Sie öffnet seine Hosen zittert leicht der Saft er/fließt hinab hinauf ja das war einst mal (...)“ Der Moderator Kristian Kühn wandte gegen den Vorwurf der Derbheit ein, die Mysteriensprache, um die es sich hier ohne Zweifel handele, könne zwar grob sein, meine jedoch oft etwas ganz anderes als das, was dastehe. Da Eva Elisabeth Fischer Villon ins Spiel gebracht hatte, nahm Kühn Rabelais für Alsen in Anspruch. Dagegen wehrte sich Antonio Pellegrino: diese große und ehrwürdige Tradition der Literatur hätte nicht bemüht werden sollen; das sei zu hoch gegriffen. Für das Publikum waren Alsens Gedichte in erster Linie hermetisch. Allein Markus Hallinger, immerhin selber ein Dichter, glaubte feststellen zu müssen, daß Alsen die ersten an diesem Abend vorgetragenen Gedichte verfaßt habe, in denen „hart an der Sprache gearbeitet“ worden sei.

Nun las die aus Dresden kommende Kerstin Becker. Da sie durch ihren Vortrag eine intensive Spannung zu verbreiten vermochte, kam der Verdacht einer Wettbewerbsverzerrung durch die Rezitation der Schauspielerin Bengsch gar nicht erst auf. Becker las Reisebilder aus Marokko und der Türkei. Nun ist die Frage, ob man die Wüste als Metapher betrachtet („Weh dem, der Wüsten in sich birgt“, Friedrich Nietzsche), oder ob man Reisegedichte, die sich des Hereinholens des kulturellen Umfelds begeben müssen, als Schnappschüsse abtut. Sowohl Jury als auch Publikum entschieden sich im Fall von Kerstin Becker für letzteres. Eva Elisabeth Fischer rühmte die Schilderung der Atmosphäre, in der sie die Bewegungslosigkeit keineswegs störe; ja sie sei sogar der Ansicht, diese Texte haben keinerlei Bewegung nötig. Dagegen insistierte Antonio Pellegrino, daß in Beckers Poemen keinerlei Atmosphäre entstehe. Professor Grimminger meinte, mit ihrer avantgardistischen Wortkunst, die die Substantive aufeinanderhetze, komme Becker um hundert Jahre zu spät.

         Kerstin Becker aus Dresden hört dem Publikum zu.

Die Ansicht des Publikums war, daß zwar genau beobachtet worden sei, jedoch die zweite Ebene fehle. Also genau die Schwäche von an sich guter Reiseliteratur. Eine Frau machte sich an dem Ausdruck „Wasser lügt unsere Füße grün“ fest und sagte, man müsse sich beim Anhören dieser Gedichte zu sehr konzentrieren und könne nicht eintauchen in diesen Fluß.

Als letzter las Jörg Neugebauer aus Neu-Ulm. 2007 gewann er den Irseer Pegasus und brachte einige Gedichtbände heraus. Sein langsamer und strenger Vortrag mit dunkler und etwas brüchiger Stimme kontrastierte mit dem Inhalt der Gedichte seines Nebelzyklus, bei denen sich das lyrische Ich in den Schleiern bewegt und nach seinen Erkennungsmerkmalen sucht: „Mit den Fingern biege ich um die Ecke, nicht ich, einer von vielen.“ Es wird aber nicht die Frage nach der Serialität gestellt, sondern ein Tasten nach möglicher Besonderheit und Originalität vorgeführt. Professor Grimminger hielt den Zeilenstil dieser Gedichte fest. Nebenbei sei eine Poetik eingestreut. Wolfgang Weinkauf, Juror des Finales von 2010, erkannte eine Logik des Inkommensurablen in diesen den Alltag des lyrischen Ich durchstreifenden Gedichten. Von Humor und Komik war die Rede, auch davon, daß man diese Gedichte malen könne. Und zwar in surrealistischen Bildern. Eine durchgängige Thematik fehle. Die Gedichte seien „ein bißchen beliebig“, wurde zuletzt gesagt - doch die Debatte um Beliebigkeit war an diesem Abend schon geführt worden.

          Jörg Neugebauer liest aus seinem Nebel-Zyklus

Patrick Beck wurde zum Sieger des Abends gewählt, unter anderem deshalb, weil seine Naturmetaphern gelungen seien. So kam das Publikum am Ende noch in den Genuß dessen, was manche Zuhörer bei Becks Lesung am Anfang gewünscht hatten: daß es diese schwer zugänglichen Gedichte wenigstens zweimal hören dürfe.

Hans-Karl Fischer

 
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