Das Finale - Lyrikpreis München

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Das Finale

Chronik > 2011

(26. 11. 2011)

Zum Finale des Lyrikpreises München 2011 hatten sich an die sechzig Zuhörer im Vortragssaal der Bibliothek des Gasteig versammelt, wo unter acht Lyrikerinnen und Lyrikern der Sieger gewählt werden sollte. Zunächst dankte der erste Vorsitzende des Münchner Literaturbüros, Beppo Rohrhofer, dem Gasteig und der Münchner Stadtbibliothek dafür, daß sie den Raum zur Verfügung gestellt hatten, dem oberbayerischen Bibliotheksverband, daß er einen erheblichen Teil des Preisgeldes gestiftet hatte, dem Kulturreferat der Stadt München für das Sponsoring der Lesung mit den Vorjahressiegern Lisa Elsässer und Carl Christian Elze sowie dem griechischen Lokal „Kalami“ für die finanzielle Förderung der Organisation des Preises. Der Vorsitzende des als Veranstalter fungierenden Vereins hob die Arbeit der Organisatoren Hans-Karl Fischer, Kristian Kühn und Stein Vaaler hervor, die den Lyrikpreis München gegründet haben. Sodann stellte er die Autoren dieses Abends vor: Sascha Kokot aus Leipzig, Sabina Lorenz aus München, Janin Wölke aus Leipzig, Bastian Schneider aus Wien, Walter Fabian Schmid aus Regen, Martina Weber aus Frankfurt, Sandra Trojan aus Leipzig und Marie T. Martin aus Köln. Diese Reihenfolge war durch das Los ermittelt worden. Um der Gerechtigkeit willen sei gesagt, daß es noch eine Autorin mehr hätte sein müssen: Birgit Kreipes Gedichte waren am zweiten Abend nicht weniger gelobt worden als die der anderen Finalisten, die jedoch im Gegensatz zu ihr als dritte Sieger ins Finale eingezogen waren. Ein tröstender Ausgleich war, daß Kreipe in beiden dem Münchner Literaturbüro nahestehenden Zeitschriften „Torso“ und „außer.dem“ Gedichte hatte veröffentlichen können.

Kristian Kühn, der Moderator, stellte danach die Juroren vor:
Eva-Elisabeth Fischer von der Süddeutschen Zeitung, den Germanistikprofessor Rolf Grimminger und Antonio Pellegrino, Redakteur des bayerischen Rundfunks. Während Frieder von Ammon von der Universität München an diesem Abend verhindert war, kam der Verleger Christian Lux aus Wiesbaden (luxbooks Verlag) als Überraschungsgast hinzu. Die Texte, die an den drei Vorauswahlabenden bereits bewertet worden waren, sollten nun gegeneinander gehalten werden.

ie Jury v.l.n.r.: Prof. Rolf Grimminger, Antonio Pellegrino, Christian Lux, Eva-Maria Fischer

Sascha Kokot hatte einige Gedichte gegen andere ausgetauscht,
was ebenso wie die Verbesserung der Texte beim Lyrikpreis München möglich ist. Mit ernster Stimme las er von der „Unruhe in den Steinen“, vom „Aussterben unserer Altlasten“ und von der „Glühbirne als letzte Wärmequelle“. Professor Grimminger fand an der „trostlosen Verlassenheit“ von Kokots Gedichten Gefallen; er hob die „Spannung einer reduzierten Natur“ hervor; auch die „Schockstarre“, in der sich die Gegenstände in ihnen befänden. Trotz der Trostlosigkeit möchte man weiterlesen, sagte Eva-Elisabeth Fischer. Antonio Pellegrino und Christian Lux schlossen sich dem Lob an. Auch wenn Professor Grimminger zuletzt den vielleicht allzu häufigen Gebrauch von Adjektiven kritisierte, schien es für einen Augenblick so, als sei das Rennen gelaufen, noch bevor es angefangen hatte.

Sascha Kokot aus Leipzig trug als erster seinen Beitrag vor.

Als zweite las Sabina Lorenz ihre Prosagedichte „Schichten von Schnee“. Eva-Elisabeth Fischer stellte fest, daß so viel verschiedenartige Bedeutungen in die Texte „hineingeschaufelt “ seien, daß zuletzt Zweifel vorherrsche, an welchen dieser Bedeutungsstränge man sich halten solle. Auch Christian Lux war der Anspielungshorizont von Sabina Lorenz' Prosagedichten zu breit. Während des Zuhörens habe er den Faden verloren. Bedauert wurde, daß Sabina Lorenz die Zahlen, die ihre Kapitel unterteilen, dieses Mal nicht mit vorgelesen habe. Und bei dieser Gelegenheit erhob sich die Frage, wie die Jury, die ja doch zur Hälfte aus denselben Sachverständigen wie am zweiten Vorauswahlabend bestand, bei ihrer neuerlichen Bewertung zu entgegengesetzten Ergebnissen kommen konnte wie im Juli. Aber kann der neue Zusammenhang von Texten nicht auch neue Bewertungen schaffen? Antonio Pellegrino sagte, daß die Natur, die bei Kokot Protagonist gewesen sei, in den Prosagedichten von Lorenz nur als Kulisse vorkomme. Doch nun betätigte sich das Publikum als Korrektiv; mehrere Leute wandten gegen die Ansichten der Juroren ein, es sei jedenfalls ein dichtes Netzwerk von Motiven in Sabina Lorenz' Prosagedichten zu finden.

Sabina Lorenz aus München empfängt Lob aus dem Publikum.

Obwohl Lou Ernst, die für die verhinderte Janin Wölke deren Gedichte las, dies keineswegs schlecht machte, stellte sich doch gerade durch den fremden Vortrag heraus, daß die überaus große Glaubhaftigkeit dieser Liebesgedichte an den Vortrag der Autorin gebunden ist. Denn Janin Wölke hatte sich sowohl beim Schreiben wie beim Rezitieren in ihr Gefühl fallen lassen, wofür sie mit der Authentizität der gesprochenen Sprache belohnt worden war. Nun aber vermißten die Juroren bei den tagebuchartigen Notaten Guß und Form. Weder habe sie sich um den Vers- noch um den Satzbau bemüht, welchletzterer knapper als in der Prosa sein müsse. Darüber hinaus fehlte den Juroren jedoch auch noch eine zweite Ebene in Wölkes Gedichten; was meines Erachtens nur teilweise stimmt:

und träge/überlegen, worüber wir das erste mal streiten könnten/lächelnd/ängstlich/was man so treibt an solchen orten/ich denke: transit/noch werden zäune lackiert und schlüssel sortiert ich denke: transit/ich sage, mir fehlen die lampions

Nach dem ersten Streit der Liebenden taucht mit den Schlüsseln - dem Wissen, wie man den anderen verletzen kann - sowie den Zaunpfählen - der wechselseitigen Abgrenzung voneinander - wenigstens streckenweise eine symbolische Ebene auf.

 

Als letzter vor der Pause wiederholte Bastian Schneider seinen Vortrag von vor vier Wochen. Während über seine kurzen, assonanzenreichen Gedichte sogar das Wort „Kalauer“ fiel, wurde von allen Juroren Schneiders Langgedicht „Ton/Monoton “ rühmend hervorgehoben. Besonders die Rhythmik und der engagierte Tenor wurden gelobt. Die Einmütigkeit der Juroren in Bezug auf dieses Langgedicht erinnerte an das Finale des letzten Jahres, bei dem unter Dominik Dombrowskis Texten nur das mehrseitige Gedicht „Rolling Stones Männer“ besprochen wurde.

Bastian Schneider aus Wien hört der Jury zu.

Walter Fabian Schmid aus Regen trägt seine Gedichte am Stehpult vor.

Nach der Pause setzte Walter Fabian Schmid zu seiner Performance an. Eva-Elisabeth Fischer gab ihr prinzipielles Unwohlsein angesichts derartiger Lyrik kund. Demgegenüber meinte Rolf Grimminger, das lyrische Sprechen sei mit dem lebendigen Vortrag verbunden. Tatsächlich kämpfen zwei Stimmen in den auf Assonanzen und Alliterationen aufbauenden Gedichten gegeneinander an: eine scheltende und eine intime. Doch die Tatsache, daß Walter Fabian Schmid ein außerordentlich guter Rezitator sei, wurde von keinem der vier Juroren in Abrede gestellt. Für Rolf Grimminger war der Rückgriff Schmids auf den Dialekt ein bestimmendes Kennzeichen seiner Lyrik. Jedoch ist es anzweifelbar, ob man diesen Poeten als Dialektdichter bezeichnen kann, weil die bayerische Sprache bei ihm nur als zitierte vorkommt. Und das nur im Rahmen seiner Klangmalerei, in einzelnen Wörtern. Wenn Schmids Stammtischgenossen zuletzt in ein Wissenschaftsidiom verfallen, ist das auf der realen Ebene unglaublich, besitzt aber doch den inneren Gehalt einer sekundären Sprachlosigkeit: "bei dera etymogelei vo serieller / silbenrundummadummrotation kimma mia nur homunkeln / als sinn-erratari".

Martina Weber aus Frankfurt folgt den lobenden Äußerungen der Jury.

Martina Weber mit ihrer zweifellos guten Lyrik wurde von Rolf Grimminger gelobt: diese Gedichte sendeten ihre Poetik mit. Es sei ein legitimes Kunstmittel, den poetischen Fluß durch abstrakte Wörter zu unterbrechen. Darauf ritt die Jury eine gute Weile auf dem in einem der Gedichte vorkommenden Wort ”Schadensbegrenzung “ herum. Ein Mann aus dem Publikum wandte endlich ein, die Innenwelt von Webers Poemen könnte noch ausgeprägter sein. Vielleicht hängt dieses Manko damit zusammen, daß die Abstrahierung der Ansatz, aber eben nur der Ansatz, von Innenwelt ist.

Sandra Trojan aus Leipzig konzentriert sich auf ihre Lesung.

Sandra Trojan las mit ihrer schönen, leicht aspirierten Stimme und skandierender Hand ihre Gedichte, die große Themen nicht aussparten und in einem Zyklus das ”Sprechen in Bienen“ zum Thema haben. Das letzte Gedicht war eine poetologische Erklärung durch den Bienentanz.

Marie T. Martin aus Köln am Stehpult trug wie eine Seherin nahezu auswendig vor.

Wie bereits am ersten Vorauswahlabend las Marie T. Martin als letzte Dichterin; und wie damals fing sie die Ermüdetheit des Publikums durch ihre eigene Frische auf. Von Professor Grimminger wurden ihre Gedichte mit den surrealistischen Bildern eines René Magritte verglichen; wenn etwas gegen sie einzuwenden sei, dann die Verwendung mediterraner Klischees: ”Südwärts dein Zitronenlächeln/und Hände rot von Erde Umbra Siena gebrannt“ beginnt ein Gedicht. Vielleicht war das der Preis der sonst hoch gerühmten Leichtigkeit in den Gedichten Martins, daß hier noch offen blieb, ob dies das zersetzende Zitat eines Klischees ist oder selber eines bedient.

Die Jury kurz vor der Entscheidung.

Nach einer zehnminütigen Pause wurde Sandra Trojan als Siegerin ausgerufen. Auf Trojan einigte sich die Jury wegen der Güte ihrer Metaphern und ihrer sprachlichen Intensität. Sascha Kokot erhielt immerhin eine lobende Erwähnung. Rolf Grimminger hob danach das hohe Niveau des Lyrikpreises München 2011 hervor. Im Vergleich zum vorigen Jahr sei eine neue Generation von dreißigjährigen Dichtern eingeladen worden, die recht unterschiedlichen Richtungen angehöre, insgesamt jedoch ein großes Spektrum der modernen Poesie biete.

Nach einer zehnminütigen Pause wurde Sandra Trojan als Siegerin ausgerufen. Auf Trojan einigte sich die Jury wegen der Güte ihrer Metaphern und ihrer sprachlichen Intensität. Sascha Kokot erhielt immerhin eine lobende Erwähnung. Rolf Grimminger hob danach das hohe Niveau des Lyrikpreises München 2011 hervor. Im Vergleich zum vorigen Jahr sei eine neue Generation von dreißigjährigen Dichtern eingeladen worden, die recht unterschiedlichen Richtungen angehöre, insgesamt jedoch ein großes Spektrum der modernen Poesie biete.

Sandra Trojan nach der Preisübergabe.

Fotos: Beppo Rohrhofer

Als der Vorsitzende des Münchner Literaturbüros, Beppo Rohrhofer, der Siegerin das Kuvert mit dem Preisgeld überreicht hatte, wurde diese aufgefordert, eine kurze Rede zu halten. Gerührt von ihrem Sieg, fehlten Sandra Trojan jedoch die Worte. Deshalb trug sie noch einmal ihr Gedicht vor, mit dem sie ihren Vortrag begonnen hatte. Es heißt ”Dies ist das letzte Gedicht.“

Hans-Karl Fischer


 
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