Das Finale - Lyrikpreis München

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Das Finale

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(11.12.2010)

Zwei Jahre, nachdem sich die Initiatoren des „Lyrikpreis München“ zum ersten Mal getroffen hatten, fand am 11. Dezember 2010 im Vortragssaal der Bibliothek des Kulturzentrums Gasteig das erste Finale statt. Neben den je zwei Autoren, die an den drei Vorauswahlabenden gewonnen hatten, waren die zum Teil wechselnden Juroren dieser Abende zusammengekommen, um einen „Sieger der Sieger“ zu ermitteln. Die Spannung des als Jurorenpreis konzipierten „Lyrikpreis München“ sollte auch darin bestehen, wie sich die Juroren zu den Siegern der Abende verhielten, an denen sie nicht selber geurteilt hatten. An einem langen Tisch saßen die Juroren mit Blick zum Publikum nebeneinander; der Moderator Kristian Kühn ihnen zur Seite.

 

Die sieben Juroren v.l.n.r.: Tom Schulz, Rolf Grimminger, Wolfgang Weinkauf,
Ulrich Schäfer-Newiger, Andrea Heuser, Roman Ritter, Antonio Pellegrino

Zunächst stellte der Vorsitzende des Münchner Literaturbüros, Stein Vaaler die Autoren und die sieben Juroren vor: Prof. Dr. Rolf Grimminger, Dr. Andrea Heuser, Antonio Pellegrino, Roman Ritter, Ulrich Schäfer-Newiger, Tom Schulz und Wolfgang Weinkauf. Stein Vaaler dankte den beiden Organisatoren des Preises, Kristian Kühn und Hans-Karl Fischer, die zugleich mit ihm selber die Vorjury gebildet hatten. Diese hatte aus den auf dem Postweg zugesandten Gedichten die Autoren ausgewählt, die jeweils nach München geladen wurden. Stein Vaaler führte in seiner Einleitungsrede aus, er halte es für einen der großen Vorzüge des „Literaturpreis München“, daß die Jury unberechenbar sei.

Das Los verschlug die vier Männer an den Beginn und die beiden Frauen an den Schluss der Lesung.

 

Nachdem Michael Spyra aus Leipzig als erster seine Gedichte gelesen hatte, lobte die Jurorin Andrea Heuser den eigenen Ton und die Suggestivität von Spyras Sprache; sie hob aber auch hervor, daß manches einzelne Bild noch zu sehr im ganzen Gedicht verschwinde.

Michael Spyra, der Youngster unter den Autoren, liest seinen Zwölfzeiler:
„der zufall, plural, achsensymetrisch“

Dominik Dombrowski las so verhalten seine Gedichte vor, vor allem seine „Rolling-Stones-Männer“, daß die grobkörnige Aggressivität, die nicht nur der bekannten Musik, sondern auch seinem Langgedicht zueigen ist, und die ihm am dritten Vorabend im Literaturbüro den Sieg eingebracht hatte, dieses Mal nicht durchdrang. Während Tom Schulz betonte, daß sehr schöne lyrische Bilder spärlich eingesetzt würden, meinte Roman Ritter, ebendiese lyrischen Bilder erschlügen sich bei genauem Hinsehen gegenseitig. Während Schulz die mittlerweile in der Literaturzeitschrift „außer.dem“ erschienenen „Rolling-Stones-Männer“ als Prosagedicht bezeichnete, wurden sie von Ritter für einen lyrischen Essay gehalten.

Dominik Dombrowski aus Bonn trägt sein Gedicht „getränkemarkt“ über „diese geheimnisvollen männer“ dort vor.

Carl-Christian Elze kam mit seinem Zyklus von Gedichten am besten weg. Professor Grimminger erklärte bündig, das Ich sei bei Elze nicht nur leidend; wenn es auch unter vom Chaos gezeichneten Zuständen lebe, so empfinde es doch Sehnsucht nach einer harmonischen Beziehung zu einem Du.

Carl-Christian Elze beendet gerade sein Gedicht: „ich fange an sinnlos zu werden, verzeiht.“

Als einziger zog Frank Norten das Stehpult vor

Frank Norten erhielt für seinen Mut Respekt, die Erfahrung der Judendeportation noch einmal aufzugreifen; zugleich wurde im Verlauf der Diskussion deutlich, daß es ein großer Unterschied ist, ob man aus eigener Erfahrung oder aus der des Nachgeborenen über ein derart fragiles Thema schreibt.

Lisa Elsässer liest ihr Gedicht
„ein anderes weiss“, für das sie besonderes Lob erhielt

Bei Lisa Elsässer waren die Juroren von einem intensiven Vortrag beeindruckt. Rolf Grimminger bestätigte der Dichterin eine große sprachliche Genauigkeit, stellte die Auflösung von Naturmetaphorik in anderes fest, wobei es – wie bei Aggregatszuständen – quasi um die Verflüssigung des Festen gehe. Andere Juroren rühmten den Mut Elsässers, gegen den vorgegebenen Zeitstil zu schreiben, so daß ihre Gedichte durch Wiederlesen gewönnen.

Der lange Tisch mit der Jury, Claudia Kohlus und ganz rechts dem Moderator

Als letzte Teilnehmerin des Wettbewerbs las Claudia Kohlus aus Augsburg. Wie er das schon bei anderen Autoren getan hatte, konstatierte Roman Ritter die Differenz zwischen den tatsächlichen Pausen im Vortrag und den zahlreichen Hilfsmitteln, mit denen sich die Dichter auf dem Papier Luft für Pausen verschafften: Schrägstriche, Klammern, Einrückungen. Sind diese Hilfsmittel dafür geeignet, die Lebendigkeit des Vortrags für den Leser zu ersetzen? Schließlich entspann sich zwischen den Juroren und dem Publikum ein Disput, ob man bei einem Kuss den Schnabel einer Amsel Lippen nennen könne.

Während einer zweiten Pause zog sich die Jury zur Beratung zurück. Danach wurde Andrea Heuser, die einzige Frau unter der Jurorenschaft, zu deren Sprecherin bestellt.
Sie verkündete: „Der Münchner Lyrikpreis 2010 geht zu gleichen Teilen an Lisa Elsässer und Carl Christian Elze.
Lisa Elsässers Gedichte berühren durch eine intensive Bildsprache. Ihre sichere, präzise Metaphorik erzeugt eine Nachhaltigkeit, die sich dem Leser einprägt. Ihre Themen sind
der Erfahrung abgerungen, formen sich gekonnt zu poetischen Substraten: Lyrik als Lebenswissen. Herzliche Glückwunsch,
Lisa Elsässer!
Die Gedichte von Carl Christian Elze bestechen durch ihre Originalität; einen stilsicheren, unverbrauchten Ton, in dem sich das lyrische Ich auf ein Du zubewegt, in Dialoge mit seiner Umwelt tritt. Dies geschieht erfrischend spielerisch und mit funkelndem Witz. Diese Gedichte erreichen ihre Leser. Herzlichen Glückwunsch, Carl Christian Elze!“

Die Jury bei der Entscheidungsfindung

Andrea Heuser verliest die Laudatio, rechts die beiden Auserwählten.

Fotos: Hellmuth Lang


So erhielt der Preis, der an jedem der drei Vorauswahlabende schon zwei Sieger gehabt hatte, auch beim Finale zwei Sieger.


Hans-Karl Fischer

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