Lesung 1 - Lyrikpreis München

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Lesung 1

Chronik > 2011

(27.5.2011)

Stein Vaaler, der scheidende Vorsitzende des Münchner Literaturbüros, sagte in seiner kurzen Einführungsrede, er danke dem Organisationsteam des Lyrikpreis München für seine Arbeit und den Lyrikern für den Mut, den sie beim Einreichen der Gedichte gehabt haben. Danach stellte der Moderator Kristian Kühn die Juroren vor, unter denen sich mit Professor Rolf Grimminger und Stein Vaaler zwei aus dem Vorjahr bekannte Köpfe befanden, wogegen Ludwig Steinherr, Lyriker und Lehrbeauftragter für Philosophie, und Eva-Elisabeth Fischer, Journalistin der „Süddeutschen Zeitung“, zum ersten Mal mit von der Partie waren. Ludwig Steinherr stellte dem Abend den Mahnspruch voran, daß Dichtung kein Pferderennen sei, daß man trotzdem einen Sieger finden müsse.


















Stein Vaaler eröffnete die neue Runde 2011, links die Autoren, in der Mitte v.l.n.r. die Juroren Ludwig Steinherr, Rolf Grimminger, Eva-Elisabeth Fischer, ganz rechts Kristian E. Kühn, der die Moderation übernahm.

Der erste Autor, Tibor Schneider, lebt in Tübingen, wo er eine Literaturzeitschrift namens „(trash)pool“ herausgibt und eine Magisterarbeit über Hegel schreibt. Einer der kurzen Texte, die auf eine Einteilung in Verse, nicht jedoch auf doppelte Schrägstriche verzichten, lautet wie folgt: „am zwei&dreißigsten mai//fünf glocken gelber//leben in großraumdiffusionen//denn als screaming bänd ist man länger tot//war schon intern die lange miete// ungefähr pelikangroß ist da noch die aussicht//auf my so-called life.//“ Eva-Elisabeth Fischer sprach in der anschließenden Diskussion von einem „Zeitgeist-Esperanto“, Ludwig Steinherr von einer „seelischen Bewegung des Wasserfalls“; von einem an Computerspiele anklingenden „Technikjargon“ war die Rede. Danach schälte sich jedoch die Frage heraus, wo in diesem „Sprachkonstrukt“ das lyrische Ich zu Hause sei. Man hätte auch fragen können, wo es sich exponiert. Ein Mann aus dem Publikum vermißte dieses Manko jedoch nicht, sondern hob hervor, daß die Stimmung einer gebrochenen Wirklichkeit perfekt sei.

 

Tibor Schneider hört zu, was Rolf Grimminger links im Hintergrund zu sagen hat. Daneben Eva-Elisabeth Fischer und Stein Vaaler.

Als nächste Autorin las Janin Wölke aus Berlin ihre Gedichte vor; sie war bereits im vergangenen Jahr für den Lyrikpreis München nominiert worden. Wölke bestach durch stimmungsvolle Liebesgedichte, in denen neben der Klärung des Zustands der Liebenden die weit weggerückte Stadt dennoch eine wichtige Rolle spielt. Die Juroren waren sämtlich beeindruckt. Daß die Gedichte eine authentische Sprache haben, sagte Ludwig Steinherr, von einer Mischung aus Asphalt- und Naturlyrik sprach Eva-Elisabeth Fischer; Professor Grimminger steuerte bei, daß in den von rhythmisierenden Wiederholungen geprägten Gedichten das Außen und das Innen besonders gut verbunden seien. Aus dem Publikum kam dazu die erhellende Feststellung, daß die Sommergedichte mehr der Außenwelt als die über den Herbst zugewandt seien.

Janin Wölke, beim Vortragen ihres Textes „Morze".

Als dritte Dichterin las Ute Eisinger aus Wien, die dort als Lyrikerin, Übersetzerin, Journalistin, Lektorin und Pädagogin arbeitet, aus einem Zyklus, in dem Waldlauf und Erinnerung ans bisherige Leben eine bedeutende Rolle spielen. Der klassizistische Ton ihrer das Sentenziöse streifenden Langgedichte könnte mit dem einer Shakespearefigur zusammentreffen. Stein Vaaler hielt dafür, es handele bei diesen Gedichten um lyrische Prosa, sie stünden im Widerspruch zur Textgestalt. Diesem Einspruch hielt wiederum Professor Rolf Grimminger entgegen, daß Ute Eisinger in Terzinen schreibe, den klassizistischen Rhythmus immer wieder durchbreche und dadurch zu einer modernen Formgebung finde. Eva-Elisabeth Fischer stellte bei Ute Eisinger fest, daß sie wie die Romantiker eine Reflexion des Schreibens betreibe.

Ute Eisinger mit Lesebrille in ihr Langgedicht vertieft.

 

Sandra Trojan freut sich über das Lob der Anwesenden.

Nach der Pause las Sandra Trojan aus Leipzig. Ihr Zyklus sei inzwischen weit über die zehn eingereichten Gedichte hinausgewachsen. Eine wiederkehrende Wendung darin lautet „in Bienen sprechen“. Man fühlte sich dabei an bestimmte Mythen der Antike erinnert, in denen es etwa heißt, daß Pindar einst als Kind eingeschlafen sei, und Bienen in seinem Mund einen Stock gebaut haben. Damit sollte die Süßigkeit und Geschmeidigkeit der Rede des Dichters mit dem Honig assoziiert werden. Während noch darüber debattiert wurde, ob der Zeilenfall in Trojans Gedichten gut oder schlecht sei, sprach Rolf Grimminger von einer Bilderflut, die an surrealistische Lyrik erinnere. Ein Mann aus dem Publikum charakterisierte Trojans Gedichte folgendermaßen: sie seien wie guter Wein, der die Kehle hinabriesele, aber die Gefahr in sich berge, betrunken zu machen.

Lydia Daher trägt ihre Gedichte vor. Wenn es um Lyrik geht, auch bei Bandauftritten ohne Begleitung.

Lydia Daher aus Augsburg hat bislang unter dem Label Pop und Lyrik großen Erfolg gehabt. Ihr Vortrag war exzellent, er vereinte getragene und stakkatohafte Töne, aber die Gedichte waren bald liedermacherhaft, bald poetisch. Sehr schön „Ein seltsamer Ort für Schnee“: „Ein seltsamer Ort für Schnee/Ich mache dich nicht dafür verantwortlich/Nicht für die Kälte, nicht für den Hund/ nicht für das Salz, das jemand für sich behalten hat (...)“ Die „Gedichte gegen die Langeweile“ erfüllten hingegen den von ihnen ins Auge gefaßten Zweck nur bei einigen Juroren. Ludwig Steinherr sprach von der Melancholie und der ironischen Distanz der Texte Lydia Dahers.

Erleichtert darüber, auch als letzte Lesende die Zuhörer noch verzaubert zu haben, Marie T. Martin.  

Fotos: Hilda Ebert

Als letzte der fünf Dichterinnen, die auf Tibor Schneider folgten, trug Marie T. Martin zarte lyrische Gebilde mit einer großen Intensität vor. Eva-Elisabeth Fischer sprach von geglückten Bildern, sogar davon, daß in ihnen das Unmögliche möglich werde. Professor Rolf Grimminger stellte Heterogenität fest; durch Wiederholung von Wörtern und Wendungen komme eine „gewisse Rhythmik“ zustande. Eine Zuhörerin sagte, sie sei verzaubert von diesen Gedichten.

Nach einer abermaligen Pause, in der sich die Juroren zur Beratung zurückzogen hatten, wurden Marie T. Martin und Sandra Trojan als Sieger ausgerufen. Allerdings wollten die Juroren auch
Janin Wölke den Weg ins Finale nicht versperren, so daß es dieses Mal drei Gewinner gab.

Hans-Karl Fischer

 
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