Lesung 1 - Lyrikpreis München

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Lesung 1

Chronik > 2010

(23.04.2010)

„Für mich hat sich der Aufwand für den Lyrikpreis gelohnt!
Selber bin ich wieder näher an die Lyrik gekommen …“

                                            (Stein Vaaler)


Der erste Abend beim Lyrikpreis München am 23. April verlief turbulent. Zunächst hielt der Vorsitzende des Münchner Literaturbüros, Stein Vaaler, seine Einführungsrede, in der er Zwecke und Ziele des neugegründeten Lyrikpreises verriet: die Stadtöffentlichkeit für Lyrik auszubauen, den Wettbewerb zu fördern und eine neue Plattform zu schaffen, die den Autoren gehört.


Dann las Mathias Jeschke aus Stuttgart seinen Zyklus über die mittelitalienische Landschaft der Maremma, worauf die Juroren einstimmig sagten, sie wollten erst ihre Statements abgeben, nachdem sie alle Lyriker gehört hätten, Tom Schulz aber hinzufügte: „Die Argumente des Publikums werden von den Juroren mit Interesse aufgenommen und fließen mit ein, wenn wir unsere Entscheidung fällen.“ In der Tat beteiligte sich das Publikum rege an der Diskussion, ging aber auf den Hinweis des Moderators, der Zyklus Jeschkes hätte doch eine Menge versteckter Anspielungen auf die Ankunft des Odysseus in Ithaka und auf die Beschwörung der Totenwelt im 11. Gesang der Odyssee, aber auch auf Trakl, nicht ein, sondern sprach von Reiseliteratur.


Danach las Frank Norten aus Ibiza, dessen aggressiver Parlando-Stil mit Erich Fried verglichen wurde, schließlich Eva Höcherl ihre artistisch verklausulierte Naturlyrik, der zu viel Gedankentiefe bei zu wenig Worten vorgeworfen wurde.

 

Der Lyriker, Verlagslektor und Kinderbuchautor Mathias Jeschke hatte die schwierige Aufgabe, als erster der sechs Nominierten an der Reihe zu sein



Die Hauptjury des ersten Abends
v.l.n.r.: Stein Vaaler, Tom Schulz,
Ulrich Schäfer-Newiger

Frank Norten und
Eva Höcherl lasen nacheinander,
beide leise und akzentuiert.

 


Nach der Pause war Claudia Kohlus an der Reihe, weil sie selber aufgrund ihres Krankenhausaufenthalts als Notlösung ihre Gedichte nur mit ihrer mp3-Stimme vortragen konnte.

Sei es dass ihre Abwesenheit besonders eindringlich auf das Publikum und die Jury wirkte, oder weil ihre moderne Form der Frauenlyrik keine Konkurrenz hatte, ihr Beitrag wurde neben Frank Norten am meisten goutiert.

An den Gedichten von Renate Silberer, die aus Linz angereist war, wurden Sprachmelodie, rhythmischer Fluss und Artistik gelobt. Der Einwand der Moderation, das Nebeneinander der Aufzählung materieller Erscheinungen solle vielleicht im Kopf des Hörers einen dionysischen Sog schaffen, wurde jedoch von der Jury, die als Bewertung vor allem formale Kriterien ansetzte, als mangelnde inhaltliche Strukturierung bewertet. Frau Silberer griff nicht in die Diskussion ein. Überhaupt, alle Autoren verhielten sich, wenn sie angesprochen wurden, markant zurückhaltend.

 
 

Renate Silberer liest: „Überall laufen sie, springen sie, Krebse, Sandwürmer Schattentiere“

Dennoch war sich die Jury einig, dass bei allen Autoren sehr viel gute Ansätze da seien, die aber auf unterschiedliche Weise weiter zu bearbeiten seien. Als die Finalisten Frank Norten und Claudia Kohlus feststanden, erhob sich ein leiser Sturm im Publikum: denn der letzte Nominierte, gleichfalls mit einem Zyklus hervortretend, Thomas Josef Wehlim aus Leipzig, war der Dichter, den die Mehrheit gewählt hätte. Seine wortkargen Diagnosen zur bedrohlichen Lage des Menschseins waren genau das, was sich das Publikum als moderne Lyrik vorstellte.                                    

                                    Hans-Karl Fischer


Thomas Josef Wehlim vernimmt die Entscheidung der Jury. Fotos: Hellmuth Lang

 
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