Lesung 2 - Lyrikpreis München

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Lesung 2

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(29.07.2011)

Am Freitag, den 29. Juli, fand vor etwa vierzig Zuhörern im Münchner Literaturbüro die zweite Vorauswahl für das Finale des Lyrikpreises München 2011 statt. Der Moderator Kristian E. Kühn stellte vorab die Juroren vor: Frieder von Ammon, Lyrikspezialist an der Münchner Universität, Eva-Elisabeth Fischer von der Süddeutschen Zeitung, Professor Rolf Grimminger und  Sabine Zaplin, die erst jüngst den Roman „Alles auf Anfang“ herausgebracht hat. Kühn begrüßte danach Olaf Eberhard vom Verband oberbayerischer Bibliotheken, der den Lyrikpreis München 2011 finanziell fördert. Die Reihenfolge, in der die Autoren lesen würden, war zuvor durch das Los entschieden worden.

Als erster der sechs für den zweiten Lyrikpreis München nominierten Dichter las Markus Hallinger aus dem oberbayerischen Irschenberg. Seine Gedichte berichten von Bauern, die von der gegenwärtigen Massenkultur ins Schlepptau genommen worden sind; die sakrale Kultur des Hinterlands wird dabei mit der der Medien verbunden: „vor dem elften september kam strauß / von der jagd nicht nachhaus als diana / starb gingen die stallampen aus in den / Hausfluren liegt zu weihnachten schnee / am speicher ein strick in der milch- / kammer milch singen die engel / werden
die wände mit kalk bestrichen.“ Frieder von Ammon stellte eine Ambivalenz fest, eine sich distanzierende Heimatverbundenheit.
Im letzten Gedicht habe der Dichter auf drei Große der Lyrikgeschichte angespielt, auf Gryphius, Benn und Kling: die Fallhöhe sei zu hoch, das eigene Gedicht sei nicht stark genug, um diesen Wettkampf aufzunehmen. Sabine Zaplin hielt die Montagen des Autors für „noch nicht mutig genug“, wogegen sie die Rhythmik von Markus Hallingers Lyrik als „kulinarisch“ einstufte.

 

Markus Hallinger nach seinem Vortrag.
Im Hintergrund Birgit Kreipe.

Danach las die aus Berlin angereiste Birgit Kreipe. Ihre intensiv vorgetragenen Meeresgedichte kamen bei den Juroren gut an. Professor Grimminger war um die Erkenntnis der Strukturen bemüht, die der Autorin ihren Bilder- und Assoziationsreichtum ermöglichen. Frieder von Ammon sagte, das Venediggedicht halte dem Vergleich mit den Venediggedichten großer Autoren nicht stand. Die Bildlichkeit sei gerade in diesem Gedicht nur schwach entwickelt. Obwohl die Gedichte Kreipes beim Publikum sehr gut ankamen, hätte man sich in ihnen mehr Ellipsen gewünscht, mehr Abzwacken von selbstverständlich daherkommender Schönheit wie in dem letzten Gedicht „nachricht von überall“, wo mit dem Wort „Ich“ ein Satz beginnt und gleich wieder aufhört. Ein anderes Gedicht ist auch im Jahrbuch der Lyrik 2011 abgedruckt.

Birgit Kreipe freut sich über das Lob aus dem Publikum.

Diese Fähigkeit, Schönheit und Schmerz zusammenzubringen, eignete der als Letzte vor der Pause lesenden Sabina Lorenz umso mehr.  Während die Zuhörer die Tür des Literaturbüros aufmachten, um nicht zu sehr ins Schwitzen zu geraten, trug die Münchener Autorin einen Schneezyklus vor, dessen Grau-in-Grau mit Kritik an der Bürokratie einherging. Die zwischen Prosa und Lyrik schwebenden Gebilde waren im Blocksatz geschrieben, weil, wie Lorenz erklärte, „alles andere zu verspielt gewesen wäre“. Die Kritiker lobten die stringente Durcharbeitung der Poèmes en prose. Die Frage nach der Identität werde verfolgt. Daß das Funkelnde der Poesie fehle, verteidigte Eva-Elisabeth Fischer: Bei einem Thema, das eben Grau-in-Grau male, sei das Funkelnde nicht angemessen.

Sabina Lorenz auch bei der Aussprache in Konzentration.

 

Walter Fabian Schmid versunken im Vortrag.

Schwarzweißfotos: Ulrich Schäfer-Newiger

Nach der viertelstündigen Pause trug der achtundzwanzigjährige Walter Fabian Schmid  seine Gedichte vor: Er sagte, er tue dies im Stehen, da er so während des Rezitierens besser durchatmen könne. Dennoch stellte sich gleich heraus, daß der aus Regen im bayerischen Wald stammende Dichter seinen Körper bei der Wiedergabe seiner Gedichte mitreden ließ: Die Kritik an gesellschaftlichen Zuständen im Bayerischen Wald, aber auch am evangelischen Kirchentag in Leipzig wurde durch nach rechts und links ausrückende Gesten sowie mit dem Zurückknallenlassen der Blätter auf den Autorentisch untermalt. Frieder von Ammon stellte großes Potential bei diesem Dichter fest; wenn er auch zugeben müsse, daß er sich von seinem großen Vorbild Thomas Kling noch nicht zur Gänze befreit habe, setze er auf ihn: Dieser sei sein Kandidat. Auch andere lobten die „außergewöhnliche Musikalität der Sprache“, waren sich jedoch unsicher, wie sie das Phänomen Schmid bewerten sollten: zwischen Dadaismus und sozialkritischem Realismus schwankten die Urteile über seine Gedichte.

Heffa Schücking liest die Gedichte ihrer Mutter Hildur Jucum Schücking vor.

Für ihre Mutter, die achtundachtzigjährigen Hildur Jucum Schücking, welche eine Woche vor der Veranstaltung einen Schlaganfall erlitten hatte, las deren Tochter Heffa. Die vom Privaten ausgehenden, teils gereimten Gedichte, vom Rhythmus her sicher, vom Bild her stark, zeichnen sich vor allem dadurch aus, daß kein Wort zu viel in ihnen steht: das Manko der Ästhetik vergangener Jahrzehnte wurde jedoch nicht dadurch aufgehoben, daß die Tochter biographische Erläuterungen zwischen die Gedichte einschob, so daß sich zu guter letzt ihr Leben rundete; das hatte mit der Idee des Wettbewerbs kaum etwas zu tun. Ungeachtet dessen haben  Schückings Gedichte eine Würdigung verdient.

Lutz Steinbrück trägt seine Gedichte vor, Frieder von Ammon liest mit.

Lutz Steinbrück, der das Trio der Berliner an diesem Abend vollmachte, las seine sozialkritischen Gedichte langsam und bestimmt, aber keineswegs weihevoll. „Du traumhaftes Mikrofaserland / wo die Beatmung der Reisebusse stagniert /
wird der mit dem längsten Steuerknüppel / Klassensprecher dieser Autobahn“ (…) Dafür mußte der Dichter viel Kritik einstecken.
Der Steuerknüppel sei „sexistisch“, fand Eva-Elisabeth Fischer. Auch Sabine Zaplin erkannte „Überarbeitungsbedarf“.






Nach der zweiten Pause, in der die vier Hauptjuroren zusammentraten, verkündete Frieder von Ammon die beiden Sieger. Die Juroren seien sich sehr schnell einig gewesen. Sabina Lorenz wurde als Abendsiegerin bestimmt. Formale Durcharbeitung einer persönliche Erfahrung, die weit über die Biographie der Autorin hinausgehe, habe ihren Zyklus ausgezeichnet. Walter Fabian Schmid wurde zum zweiten Teilnehmer des Finales gewählt.

Hans-Karl Fischer

Die Jury berät sich: V.l.n.r.: Prof. Rolf Grimminger, Eva-Elisabeth Fischer, Sabine Zaplin, Dr. Frieder von Ammon.

Farbfotos: Hellmuth Lang

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