Lesung 3 - Lyrikpreis München

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Lesung 3

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(28.10.2011)

Am 28.10. um 19 Uhr 30 begann der dritte Abend des Lyrikpreises München im Münchner Literaturbüro. Der Moderator Kristian Kühn ließ das Los über die Reihenfolge der Autorenlesungen entscheiden. Als Hauptjuroren saßen Frieder von Ammon, Rolf Grimminger und Antonio Pellegrino hinter dem Autorenstuhl.

 
 













Autoren und Jury auf dem Podium: v.l.n.r.: Martina Weber, Bastian Schneider, Tobias Amslinger, Prof. Rolf Grimminger, Frieder von Ammon, Antonio Pellegrino, der Moderator.




Als Kristian Kühn den 1985 in Stuttgart geborenen und derzeit in Berlin lebenden Tobias Amslinger als Übersetzer der Gedichte von John Ashbery vorstellte, berichtigte Amslinger den Moderator dahingehend, daß es sich bei der Übersetzung im Luxbooks Verlag um eine Gemeinschaftsleistung von 30 deutschen Autoren gehandelt habe, die die Gedichte teilweise in mehreren Fassungen übersetzt haben. Während Amslinger seine Gedichte mit voller Stimme und mit leicht überredendem Tonfall vorlas, zeigte es sich wieder einmal, daß auch der Vortrag des Redners Glück macht: Amslinger konnte die hohe Qualität seiner Gedichte, die vornehmlich in einer Art von trial and error, beständigen Neuansatz, in der Zurücknahme und im Widerruf des bereits Geschriebenen besteht, durch die Art seines Vortrags nicht vermitteln.

 

Frieder von Ammon begann die Diskussion mit der Bemerkung, daß der Poet zweifellos sein Handwerk beherrsche, was man an den vielen Reimen und Assonanzen erkenne. Gerade in dieser Hinsicht sei jedoch ein zwiespältiger Eindruck bei ihm zurückgeblieben. Das Gedicht „WORTLÄRM“ habe für ihn die Bedeutung, daß sich jeder junge Autor gegen die Übermacht der Tradition behaupten müsse. Trotzdem sei die Frage, ob das Wort „Pieps“ überhaupt in einem Gedicht vorkommen dürfe. „Wie soll ich durchdringen da? Gegen euren WORTLÄRM / mit meinem kleinen Stimmchen pieps // Müßt mir meine Worte / doch rauskommen lassen / ausm Mund (…).“ Der Reiz des Kleinlauten besteht nicht zuletzt in der bewußten Anlehnung an das vom entgegengesetzten Ton durchdrungene Prometheusgedicht von Goethe. Aber auch daran, wie Amslinger Elemente der „höheren“ und der „niederen“ Kultur zusammenbringt, wurde vereinzelt Anstoß genommen. Bei der Erwähnung des Namens eines in neuesten Tagen wegen eines Vergewaltigungsprozesses fragwürdig gewordenen Wetteransagers, sagte Antonio Pellegrino, breche die Gedankenführung, wie sie bis dahin das Gedicht geprägt habe, mit einem Mal zusammen. Rolf Grimminger sprach gar von „plätscherndem Witz“ und von „Wortspielerei.“ Nach einigem Zögern verteidigte der Autor seine Gedichte und sagte, er wolle die Unvereinbarkeit von Oberflächlichkeit und Tiefe aufzeigen. Aus dem Publikum wurde Amslinger unterstützt: er habe einen eigenen Ton gefunden.

Als zweiter las der 1976 in Wittenberg geborene, heute in der Nähe von Nürnberg lebende Autor Tobias Falberg. Sein Gedicht „Wanderung in eine Ferne“ stammt aus dem gleichnamigen Zyklus: „Griff nach Sternbildern, / ich fange eins / dieser blinkenden Glühwürmchen, / die so unverhältnismäßig viel Energie / einsetzen für ihre Signale. // Ein Maß an Zeit, / ein Zimmer in der Nähe, / das Meer bewegt und nicht zu kalt / für die Nachtbaderinnen / auf Fußspitzen jauchzend durch kantigen Kies: / Alles Nötige findet sich / in Reichweite. // An machen Abenden aber / scheinen die Sterne /weiter entfernt. // Ich sitze und falle / und mit mir die Felsen / driften ins All.“ Antonio Pellegrino wandte gegen die Gedichte Falbergs ein, er habe den Eindruck von etwas Gemachtem. Zugleich jedoch wollte Pellegrino hinter den Gedichten ein poetisches Projekt erkennen. Dem entgegnete Frieder von Ammon, ein Projekt sei bei allen Autoren erkennbar. Vorübergehend brachte Rolf Grimminger die Ansichten seiner Jurorenkollegen wieder zusammen, indem er dafür hielt, Falbergs poetisches Projekt liege im metaphorischen Bereich. Dieses Urteil fand auch Zustimmung beim Publikum. Dennoch, wandte Pellegrino ein, werde das von Falberg Beschriebene zu offensichtlich mit Bedeutung aufgeladen.

 

Tobias Falberg, links der Juror Frieder von Ammon.

Noch vor der Pause trug die 32jährige Kenah Cusanit aus Leipzig ihre Gedichte vor. Die zuletzt mit dem Feldkircher Lyrikpreis ausgezeichnete Dichterin hatte für den Lyrikpreis München einen Zyklus von in Blocksatz geschriebenen Gedichten vorgelegt; und an dieser Form entzündete sich die Diskussion: „am ende der straße / fängt das wetter an, ein projekt zu sein, aus sicht / zweier, die dort stehen und dem wetter beim / wetterwerden zusehen (hol den schirm raus, / vorsichtig, vögel pieksen sich leicht auf).
v o n / n     a    h  e m  b e s e h e n, sieht es so aus, als / halte sich der regen im ersten stockwerk und / nicht lange im trockenen auf. als wolle er nach / unten gehen. hinaus aus der stadt. unbesehen / fort. von zweien, die noch stehen.“ Frieder von Ammon erläuterte, daß es Literaturwissenschaftler gebe, die das Genre Prosagedicht aus dem Bereich der Lyrik ausschließen wollen. Er selber müsse in Cusanits Gedichten eine Diskrepanz zwischen Form und Inhalt erkennen. In der Tat ist unklar, ob der Blocksatz nicht nur dazu dient, den Leser von der Frage abzulenken, warum der Vers genau hier und nicht woanders endet, oder ob er der maximalen Verdichtung des Prosagedichtes dient. Darüber hinaus scheint es die Schwäche dieser Ästhetik zu sein, daß die Aussage des Kurztextes sich oftmals auf den letzten Satz konzentriert, weshalb man den Eindruck hat, es könnten andere Texte ebenso gut in diesen letzten Satz münden. Teile des Publikums fühlten sich allerdings beim Changieren der Texte zwischen Lyrik und Prosa wohl. Das einzelne Bild gefiel.
Den „Trampelpfad zur Sonne“ werde sie nachhause mitnehmen,
sagte eine Besucherin. Auch Rolf Grimminger konnte die Kritik der anderen Juroren nur teilweise nachvollziehen.


Kenah Cusanit, in ihre Texte vertieft.

Nach ihrer Lesung, Martina Weber.

Nach der Pause setzte sich Martina Weber auf den Autorenstuhl.
1966 in Mannheim geboren, lebt und arbeitet Weber als Lyrikerin und Juristin in Frankfurt. Ihr erster Gedichtband wird demnächst im Leipziger Poetenladen Verlag erscheinen: „eben war alles noch da, ohne grammatik, / ohne die standards der disziplinierung. kältepunkte / breiten sich aus. geschwärzte stellen, dann treibgut. / die verben im aktiv verloren gegangen, hier, im zerriebenen licht. // da ist nicht mehr das sofa, wie du es von früher kanntest. / gedächtnispfade, verschaltungsmuster konfigurieren sich neu, / nervenstränge, synapsen. ein satz / ist ein schallereignis. sie wiederholen nur, // was sie verstanden haben. jetzt heißt es: / auswendig leben.“ Die überraschenden Selbstunterbrechungen in Webers Gedichten wurden unterschiedlich aufgefaßt: von einigen als „sich überlagernde Bilder, die sich neu zusammensetzen“, von anderen als abstrakte Kommentare. Insgesamt ließen Martina Webers Poeme einen rundum positiven Eindruck zurück.

Bastian Schneider freut sich über die Aufnahme seines Langgedichts.

Von Bastian Schneider, der am "Institut für Sprachkunst" in Wien studiert, einer dem Deutschen Literaturinstut Leipzig vergleichbaren Dichterschmiede, fand vornehmlich das Langgedicht „TON / MONOTON„ die Aufmerksamkeit der Juroren: mit den „sans-papiers„, den Ausländern ohne Aufenthaltsgenehmigung, sagte Frieder von Ammon, habe Bastian Schneider ein zentrales Problem der Gegenwart angesprochen. Er habe sich beim Lesen gefragt, ob es als Langgedicht trage; nach dem Hören könne er dies bejahen. Der Refrain baut auf dem Gleichklang mehrerer französischer Wörter auf und will die erbarmungslose Monotonie des Lebens dieser Ausgeschlossenen ausdrücken. „sans-papiers / sont pieux / sans sens / sont pieds / sans sang / sont pas / sans son.“ In den deutschsprachigen Strophen verzichtet Schneider auch auf Spuren von Clochard-Romantik. „(…) ihre spur hat der Weg verschluckt / hinter der Stirn schlafen sie im Luft- / versteck im Schacht hinter Büschen / eingeschweißt in Tanks eingeschlagen (…)“ Dieser Realismus wurde Schneider von der Jury hoch angerechnet: Das Langgedicht endigte in einer aggressiv vorgetragenen Anklage auch an deutsche und österreichische Städte, daß die, denen zuvor das mieseste Leben zugemutet wird, auch noch vertrieben werden. Politisch engagierte Lyrik also.

Anschließend mit brüchiger Stimme,
Sascha Kokot.

Die Jury berät sich ausnehmend lange.

Fotos: Ulrich Schäfer-Newiger



Zuletzt las Sascha Kokot aus Leipzig, der nach einer Lehre als Informatiker ebendort am Literaturinstitut studiert hat. Der Finalist beim Leonce- und Lena-Preis 2011 las wie die meisten Autoren dieses Abends mit bedachtsamem jugendlichem Schmelz: „dass die Tiere nun fehlen lässt uns nicht ruhig im Wald / wir warten auf das brechende Gehölz die angefressenen Zweige / drehen uns immer wieder um setzen das Atmen kurz aus / bevor wir das Gespräch leise fortführen / uns an den markierten Bäumen orientieren (…)“ Während Frieder von Ammon sagte, er sei von diesen Gedichten nicht ganz überzeugt, und Antonio Pellegrino ihre Kopflastigkeit hervorhob, wurde Kokot von Rolf Grimminger favorisiert. Ein Lyriker aus dem Publikum meinte, es gebe viele schöne einzelne Bilder, die sich aber durch kein Gedicht von vorne bis hinten durchzögen. Dem wurde entgegnet, daß trotz aller Abschiedsstimmung in den Gedichten ein lyrisches Ich permanent spürbar sei. Nach einer ausnehmend langen Jurorenpause wurde Sascha Kokot als Abendsieger ausgerufen, wogegen Bastian Schneider und Martina Weber als weitere Finalisten ermittelt wurden.

Hans-Karl Fischer


 
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