Lesung 3 - Lyrikpreis München

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Lesung 3

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(24.09.2010)

Für den dritten Abend der Vorauswahl des „Lyrikpreis München“ waren zwei Germanisten als Juroren bestellt worden: Professor
Dr. Rolf Grimminger sowie der freie Lektor Wolfgang Weinkauf;
der dritte Juror war der Lyriker und Vorsitzende des Münchner Literaturbüros, Stein Vaaler.

Als gegen elf Uhr der Abend im Münchner Literaturbüro zu Ende gegangen war, gab es nicht nur einen Tagessieger, sondern auch ein Gedicht des Abends. Das war zu Beginn der Veranstaltung nicht selbstverständlich. Denn nachdem Michael Spyra sieben recht artistische Poeme vorgetragen hatte, sagte ein Mann aus dem Publikum, ihm seien Gedichte aus dem 19. Jahrhundert lieber, in denen sich die Bilderfülle zuletzt zu einem Gesamtbild runde. Professor Rolf Grimminger meinte, dass es in Michael Spyras Lyrik weder Ruhe- noch Haltepunkte gebe. Den Texten des siebenundzwanzigjährigen Studenten der Sprechwissenschaft am Deutschen Literaturinstitut Leipzig ist es jedoch um eine Darlegung des mündlichen Sprechens zu tun; dieses wird nur selten von gewichtigen Sprechpausen unterbrochen. Vor allem wollen die Texte aufzeigen, wie sich gesprochene Sätze während dem Reden verändern können:

(...)ein nagel, der mond. Jetzt überall,
kannst du mir alles, kann alles von dir, also
alles wurde erzählt. dass du dich, dass erst
etwas passieren muß, nichts. Den ganzen tag
mit putzen, also der staub überall aus den wänden
(…)

 

Nach Michael Spyra las Knut Schaflinger aus Augsburg; als einziger Autor wurde er zum zweiten Mal für den „Lyrikpreis München“ nominiert. Nach dem Anhören seines Zyklus aus Prosagedichten „Das Alphabet des Mondes“ sagte Professor Grimminger, es handle sich um eine Beschreibungskunst, um einen Bildstil. Während die geschlossene Welt, die jedes Gedicht auszeichne, und eben die Schönheit seiner Bilder gerühmt wurden, wurde eingewendet, Schaflingers Bilder litten unter Selbstgesättigtheit, die dem Leser keine Ergänzung erlaube.

 

Als darauf Dominik Dombrowski das Langgedicht „Rolling Stones Männer“ las, erkannten die Juroren sowie der Moderator des Abends, Kristian E. Kühn, die eigene Generation der Achtundsechziger wieder. Von der redlichen Kaputtheit der Dargestellten und der aus ihr resultierenden Komik war auch das Publikum fasziniert.

Eine halb im Schatten liegende Resonanz erfuhr der stillste der an diesem Abend auftretenden Dichter, Adrian Kasnitz aus Köln. Während einige sagten, es seien hier Gefühle auf den Punkt gebracht worden, betonten andere, wie wenig sie von Kasnitz´
noch der festen Verslyrik nahestehenden, heute schon wieder traditioneller Art des Schreibens ergriffen seien.

Magdalena Jagelke dagegen trug ihren Zyklus von gelegentlich provozierend kurzen Prosagedichten auswendig vor. Der Juror Wolfgang Weinkauf erklärte, daß sich in Jagelkes Texten der Unwille zeige, eine archetypische Idee anzureichern. Ein Zuschauer erwiderte, der scheinbaren Mühelosigkeit eines Kunstwerks in seinem Endzustand könne eine lange Vorarbeit vorausgehen.

Zuletzt trug die „außer.dem“-Redakteurin Christel Steigenberger die Texte von Kay Steinke aus Hildesheim vor, der wegen einer Grippe nicht zum Wettbewerb hatte kommen können. Sie tat das mit der gebotenen Neutralität, die den Prosagedichten mit ihren als Schrägstrichen gekennzeichneten Zäsuren weder etwas nahm noch etwas hinzufügte. Es war ein Glücksfall, daß in den Zuschauerreihen jemand saß, der die Kunst beherrschte, so zu rezitieren, daß keine Wettbewerbsverzerrung gegenüber den selber vortragenden Autoren stattfand.
Wie Magdalena Jagelke ihre kurzen Prosagedichte zweimal vorgelesen hatte, hätte auch Christel Steigenberger die Verse Steinkes noch einmal vorlesen können, um auf eine ausgewogene Lesezeit im Vergleich mit den anderen Autoren zu kommen; doch Juroren und Publikum verzichteten darauf, die von Anglizismen durchzogenen Gedichte ein weiteres Mal zu hören. Trotz der halb englischen und halb deutschen Sprache, die den „Global Players“ der jüngeren Generation angehörte, ergab sich eine erstaunliche Musikalität.

 

Die Jury v.l.n.r.: Wolfgang Weinkauf, Prof. Dr. Rolf Grimminger, Stein Vaaler.                     Fotos: Hellmuth Lang

Unter den von Dominik Dombrowski vorgetragenen Poemen hatten die vom Thema her einander ähnlichen „Rolling Stones Männer“ und „Getränkemarkt“ das besondere Wohlgefallen von Juroren und Publikum erregt; unter diesen war dann noch einmal das kürzere den vierseitigen „Rolling Stones Männern“ vorgezogen worden. Hier wenigstens ein Auszug aus dem Gedicht des Abends:
Diese geheimnisvollen männer vor den getränkemärkten
(…)
sind sie die arbeiter des vergessens
in ihren zimmern wird es niemals klingeln / sie sind
längst zu experten geworden
experten des zusehens
des alterns der morgenröte träume (…)

Dominik Dombrowski hat es dadurch, daß er sich an die durative Form hymnischer Wiederholung gehalten hat, geschafft, die Zuhörer zu faszinieren.
Michael Spyra erhielt den zweiten Preis und wird ebenfalls beim Finale des „Lyrikpreis München“ lesen.

                                                                                                                                                                                   Text: Hans-Karl Fischer




 
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